FORTBILDUNG & KLINIK | Verband der leitenden Krankenhausärzte Österreichs

Medizin im Irrgarten

In vielen Fällen haben Ärzte keinen Einfluss mehr auf aktuelle Entwicklungen im Ge- sundheitssystem. Ein einfaches Rezept für die meisten Herausforderungen lautet: Zuwendung.

fotoS: istockphoto/ tiero, ZVG

Künstliche Befruchtungen lassen die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften und Frühgeburten steigen, daher werden freie Betten auf der Neonatologie knapp. Immer mehr Patienten suchen Rat in der Privatmedizin, was zur Aushöhlung der Kassenmedizin und damit zu einer Verschlechterung der Versorgung der Gesamtbevölkerung führt. Fehlende Präventivmedizin kann gegen einen zu- nehmend ungesunden Lebensstil kaum etwas entgegensetzen, auf der anderen Seite boomt die postbariatrische Wiederherstel- lungschirurgie auf Kassenkosten.

Primarärzte haben eine zentrale Rolle im Spital, aber auf politischer Ebene keine wirklich schlagkräftige Standesvertretung. Die Beispiele ließen sich noch weiter fortsetzen, denn in der modernen Medizin gibt es eine Reihe von Entwicklungen, die aus ihrer Geschichte her zwar verständlich, jedoch längst nicht sinnvoll für ein funktionierendes Gesamtsystem sind und schon gar nicht von Ärzten positiv beeinflusst werden könnten. Was für den einen Vorteile bringt, kann für eine andere Bevölkerungsgruppe Nach- teile eröffnen. „Es existieren hier viele Graubereiche“, bringt Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab, FEBOPRAS, Vorstand der Abtei- lung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee, die Entwicklung auf den Punkt. Im Gespräch ist er auf der Suche nach den Ursachen.


?Wo liegen die Ursachen für diese vielfältigen Fehlentwicklungen?

Am Ende lässt sich alles auf Kommunikations- und Zuwendungsdefizite herunterbrechen. Niemand fragt sich, womit Patienten zu- frieden sind oder wie und wo sie sich besonders aufgehoben fühlen. Ganz klar ist für mich, dass es nicht von der Qualifikation des Einzelnen abhängt, sondern von der Zeit, die man sich nimmt. Ich beobachte, dass die Patienten dorthin gehen, wo sich je- mand um sie kümmert – egal wie, Hauptsache, man wird ernst genommen und aufmerksam betreut. Das gilt für die Geriatrie ge- nauso wie für die Unfallchirurgie.


?Kann sich das System diese Zuwendungszeit leisten?

Wir werden uns das leisten müssen. Ich bin überzeugt, dass sich mit besserer Kommunikation viele Probleme lösen lassen – in der Lehre und Wissensvermittlung an junge Kollegen genauso wie im täglichen Arbeiten mit den Patienten oder auch innerhalb eines Teams. Gute Ausbildung hängt nicht von guten Apparaten ab, sondern wie gut das Head-to-Head-Teaching läuft. Wir brau- chen mehr Qualität anstatt immer mehr Quantität in jeder Hinsicht.


?Wie kann man diese Idee in die praktische Arbeit integrieren?

Das braucht nicht viel – bevor ich mich lange mit Diskussionen über Fehler in zahllosen Besprechungen aufhalte, nehme ich mir doch lieber anfangs die Zeit und finde in fünf Minuten heraus, was der Patient wirklich braucht oder sucht. Wer einmal die maxi- male Aufmerksamkeit auf diesen Fokus richtet, hat gewonnen. Das lehrt man zum Beispiel in Balint-Gruppen oder bei der exakten Übergabe von Patienten. Dann ist die Kontinuität in dieser sich anbahnenden Arzt-Patienten-Beziehung für den Erfolg wichtig. Vergleichbar ist das mit einem Musikstück: Ein Pianist kann auch nicht mitten im Stück aufhören und ein anderer spielt genauso weiter.


?Was heißt das für die Medizin?

Wenn ich zum Beispiel einen Patienten in der Ambulanz gesehen habe, die Indikation stelle und dann die OP durchführe, ergibt es Sinn, ihn dann auch auf der Station weiter zu betreuen. Dieses Kontinuum aufrechtzuhalten ist eine einfache Frage der Organi- sation und des Wollens, nicht der vorhandenen Zeit. Menschen werden wieder wie Menschen behandelt und weniger Drehtüref- fekte hätten großes Einsparungspotenzial. Wer „seinen“ Patienten kennt – und das geht auch im Spital, nicht nur beim Hausarzt – der ist auch schneller am Punkt der Behandlung.


?Was können Ärzte dazu beitragen?

Ich denke, dass es dringend notwendig ist, dass wir wieder in den Kern der Medizin vordringen – die Interaktion mit dem Patien- ten, hinzuschauen, hinzuhören, tasten und fühlen. Genau das sollten wir auch in unserem Studium gelernt haben. Wir sollten uns also auf das besinnen, was wir am besten können, worin wir lange Jahre ausgebildet worden sind. Dann hängt es natürlich vom Fach ab. Ich operiere gerne, andere reden lieber.


?Wie wirkt sich das auf die Organisation im Spital aus?

Manche werden es nicht gerne hören, aber die kollegiale Führung hat genau in diesen Graubereichen versagt. Ich sehe die Ver- waltung und Pflege als Serviceleistungen für gute Medizin im Krankenhaus, Ambulatorien und letztlich am Krankenbett selbst. Wir können nicht alle am gemeinsamen Projekt „Patient“ ein bisschen arbeiten, das führt zu unnötigen Redundanzen und in Wahr- heit kümmert sich am Ende niemand ernsthaft und suffizient um den Menschen.


?Wie können junge Kollegen lernen, worauf es ankommt?

Durch das Vorbild, das wir ihnen geben, durch konsequentes Lernen, Wiederholen und Prüfen. Es wird natürlich immer schwieriger, den umfan- greichen Lehrstoff unterzubringen, ohne dass die Qualität leidet. Mit den gesetzlich vorgegebenen Ruhezeiten geht sich das immer weniger aus. Die Qualität sinkt, aber nicht, weil die jungen Kollegen „schlechter“ sind, sondern weil die Zeit weniger und der Umfang mehr werden. Durch die Spezialisierung fehlt es außerdem an einem breiten Überblick und das schlägt sich in der Arbeit am Patienten nieder.


?Welche Rolle kann der VLKÖ übernehmen?

Wir tauschen uns intensiv zu diesen Themen bei unseren regelmäßig stat- tfindenden Sitzungen und Seminaren aus. Es ist ein wichtiger Schritt, dass man Gleichgesinnte findet, darüber diskutiert und manches öffentlich macht. Wir setzen uns intensiv dafür ein, dass die Medizin wieder am Pa- tienten und nicht am Schreibtisch stattfindet. Die Vielfalt innerhalb der Pri- marärzteschaft ist dabei unsere größte Ressource.


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