GESUNDHEITSPOLITIK |  Pflege

Erste Hilfe für

pflegende Angehörige

FotoS: ZVG

Rund 600 Menschen im Burgenland pflegen ihre Ange- hörigen. Eine sozialrechtliche Absicherung oder eine Anrechnung von Pensionszeiten gibt es für sie nicht.

Das wird sich ab 1. Oktober ändern, zumindest im Burgenland.

Auch wenn verlässliche Zahlen fehlen und die Dunkelziffer hoch ist, so gehen Schätzungen davon aus, dass rund 950.000 Österreicher einen An- gehörigen im häuslichen Umfeld pflegen und versorgen, allein etwa 30.000 im Burgenland. Krankheit, Urlaub, Pensionsanspruch – was für jeden Angestellten als selbstverständlich gilt – ist bei der Pflege durch Angehörige unbekannt. Bis zum Jahr 2030 werden im Burgenland rund 37.000 Per- sonen über 75 Jahre alt sein und damit vermutlich auch der Bedarf an Pflegeplätzen enorm ansteigen.

Grund genug für Christian Illedits, Soziallandesrat im Burgenland, das althegebrachte „Schwiegertochtermodell“ zu überdenken. Familienangehöri- ge – und es sind in der Tat meist Töchter oder Schwiegertöchter –, die Zeit und Energie in die Pflege eines Angehörigen investieren, sollen künftig abgesichert sein. Das bietet Vorteile für alle Beteiligten: Die zu Pflegenden können im gewohnten Umfeld bleiben und das System wird entlastet. Details erläutert Illedits im Gespräch mit ÄRZTE EXKLUSIV.


?Burgenland hat einen umfassenden „Zukunftsplan Pflege“ mit 21 Maßnahmen. Was war der Anstoß für dieses Konzept?

Die burgenländische Bevölkerung wird immer älter, Pflege und Betreuung werden zu den gesellschaftlichen Schlüsselthemen der Zukunft. Das The- ma bestimmt die Lebensrealität nahezu aller Burgenländer – als Pflegebedürftige/n oder Angehörige/n. Kaum jemand kennt nicht eine/n Betroffe- nen. Der Zukunftsplan Pflege wird Pflege und Betreuung im Burgenland langfristig absichern und allen Menschen leistbare und qualitätsvolle Ange- bote bieten.


?Welche Vorteile bringt der Zukunftsplan Pflege?

Er ist aus Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, Ergebnissen der bislang größten Befragung der älteren Generation im Land und der Expertise der Verwaltung in themenbezogenen Arbeitsgruppen erarbeitet worden. Die Vorteile des Plans liegen auf der Hand: Menschen, die das wünschen, werden so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden betreut. Wer Angehörige pflegt, ist sozialrechtlich abgesichert. Geld, das aus der Pflege kommt, wird wieder in die Pflege investiert – so steigt die Qualität am Pflegebett unserer älteren Mitbürger und Mitbürgerinnen. Der Pflegeberuf, der an Stellenwert gewinnt und bereits Personalmangel aufweist, wird attraktiver.


?Das Herzstück ist ein Anstellungsverhältnis für pflegende Angehörige – ein echtes Novum in Österreich. Wie genau funktioniert der Plan?

Das Anstellungsverhältnis wird mit der Pflegeservice Burgenland GmbH, einer 100%igen Tochter der KRAGES, abgeschlossen. Dabei stehen un- terschiedliche Beschäftigungsmodelle zur Verfügung: In der Pflegestufe 3 mit 20 Wochenstunden, in der Pflegestufe 4 mit 30 Wochenstunden und ab der Pflegestufe 5 mit 40 Wochenstunden. Das Dienstverhältnis bezieht sich jeweils nur auf den zu pflegenden Angehörigen und endet mit dem Tod, oder auch einem längeren Spitalsaufenthalt oder einer Überstellung in eine stationäre Pflege. Voraussetzungen ist ein erwerbsfähiges Alter, Verwandtschaftsgrad bis zur zweiten Parentel, also zum Beispiel Ehepartner, Elternteile, Kinder, Enkelkinder, Urenkelkinder oder Geschwister. Die

Personen gehen auch Verpflichtungen ein. Sie müssen eine vom Land Burgenland finanzierte 100 Stunden umfassende Grundausbildung in den ersten zwölf Monaten nach Anstellung absolvieren. Das sorgt erstmals auch für Qualitätsstandards bei der Pflege daheim! Darauf aufbauend können die Interessenten und Interessenteninnen auch eine Heimhilfeausbildung anschließen, um eventuell später in diesem Berufsfeld Fuß zu fassen.


?Wie erfolgt die Finanzierung?

Krankenstand und Urlaube werden, so wie auch in einem normalen Dienstverhältnis, möglich und sind erforderlich, um die Angehörigen zu entlasten. In diesem Fall greifen wir auf einen professionel- len Pflege- und Betreuungspersonalpool zurück. Zur Finanzierung des Modells wird ein gewisser Prozentsatz des Pflegegeldes der zu pflegenden Angehörigen herangezogen werden. Der Rest wird vom Land gefördert.


?Wann starten Sie mit dem Projekt?

Beginn ist der 1. Oktober 2019, Interessenten können sich unter der

burgenländischen Pflegehotline 057/ 600-1000 informieren. Wir haben zusätzlich den burgenländi- schen Pflegeatlas aufgelegt, der kostenlos an allen Gemeindeämtern und Bezirkshauptmannschaf- ten sowie in der Landesregierung aufliegt oder unter www.burgenland.at abrufbar ist. Er bietet einen kompletten Überblick über alle Angebote und Fördermöglichkeiten seitens des Landes. An allen Be- zirkshauptmannschaften kümmern sich Case- and Care-Manager und -Managerinnen individuell um Anfragen. Sie stehen allen Betroffenen beratend zur Seite und finden maßgeschneiderte Lösungen. Erreichbar sind die Berater und Beraterinnen ebenfalls unter der Hotline-Nummer.


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