FORTBILDUNG & KLINIK I Verband der leitenden Krankenhausärzte Österreichs

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Pros und Cons von Karriereplattformen

Ohne Online-Plattformen geht es heute auch bei der Personalsuche im Spital nicht mehr. Die elek- tronische Suche spart Zeit und hat Vorteile, birgt jedoch auch einige Fallen, wie Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab weiß.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Matthias Rab ist Vizepräsident des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs und Leiter der Abteilung für Plasti- sche, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am Klinikum Klagenfurt. Er hat vielfältige Erfahrungen mit Karriereplattformen für Ärzte gemacht und könnte sich diesbezüglich einige Änderungen vorstellen – sowohl im generellen Umgang mit den Ergebnissen von Personalberatern als auch im VLKÖ selbst. Im Interview mit ÄRZTE EXKLUSIV erzählt er von seinen Zweifeln und Ideen.


?Braucht es in der Medizin Karriereplattformen?

Ja, Karriereplattformen brauchen wir unbedingt. Ohne elektronische Karriereplattformen funktioniert die Personalsuche heute wohl kaum mehr.


?Welche Rolle spielen dabei soziale Medien?

Über soziale Medien sind sowohl die damit sehr vertrauten jüngeren Kolleginnen und Kollegen als auch unsere weniger vertraute Generation gut vernetzt. Ich werde immer wieder von Personalberatern oder Headhuntern elektronisch kontaktiert. Sie beziehen ihre Daten überwiegend online; in vielen Fällen läuft der gesamte Arbeitsprozess von Headhuntern nur mehr auf elektronischem Weg ab. Es ist eine romantische Sichtweise zu glau- ben, dass diese Art der Personalsuche noch über die gute alte Mundpropaganda erfolgt. Im Falle der Akquirierung von Kolleginnen und Kollegen in Leitungsfunktionen durch Personalberatungsbüros wage ich sogar zu behaupten, dass drei Viertel der Informationen über soziale Medien akqui-

riert werden.


?Würden Sie das als eine positive Entwicklung betrachten?

Es obliegt dem Auftraggeber, ob der Weg der Personalakquirierung rein über Personalberatungs- büros, rein über die „old fashioned“ Abfrage der Reputation und des Bewerberprofils in Kollegen- kreisen oder in einer Kombination von beiden erfolgen soll. Erfolgt die Akquise nur elektronisch, lässt sich möglicherweise nicht mehr differenzieren, wie gut oder schlecht die Reputation einer Per- son tatsächlich ist. Ich empfinde die breite Veröffentlichung von Informationen über soziale Medien nicht unbedingt nur eine gute Entwicklung. Der Vernetzungsgrad der sozialen Medien wird zwei- felsohne von allen im Netz befindlichen Personen ein wenig unterschätzt. In manchen seriösen so- zialen Medien sind erfreulicherweise schon Krankenhausträger vertreten. Das finde ich eine äu- ßerst positive Entwicklung. Kein Wunder, dass Headhunter daher alle Kanäle, die ihnen Informatio- nen anbieten, durchforsten, denn alle Stakeholder der Personal-Akquirierung tauschen sich über diese Wege aus.


?Was wird in Stelleninseraten oft nicht gut genug transportiert?

Online-Daten haben zwei Seiten. Einerseits sind sie sehr gut für einen raschen Datenzugriff, sparen

somit Zeit und geben den Anschein, immer aktuell zu sein. Der Haken ist jedoch, dass sie nicht unbedingt das brauchbare, umfassende Bewer- berprofil eines Kandidaten wiedergeben. Meiner Ansicht nach braucht es daher bei elektronischen Plattformen ein gehobenes Maß an Seriosität. Das kann man erreichen, indem diese Plattformen Qualitätskriterien zusammen mit Experten etablieren.


?Was braucht man für diese Auswahl?

Vor allem Menschenkenntnis und Hausverstand. Am Ende des Tages ist die Akquise zwar einfacher gewor- den, aber die Qualität schlechter. Viele Kandidaten wer- den in Managementkursen gebrieft und geben Standard- antworten. Der persönliche Kontakt – ob nun in Form von Zoom-Meetings oder Sondierungsgesprächen – hat sich als alte, aber zielsichere Methode bewährt. Wir brauchen zusätzlich zu Headhuntern und Personalberatern Exper-

ten, aus der operativen Ebene einer Krankenanstalt die die Leute abholen und ihnen für den Arbeitsalltag entscheidende Fragen stellen – wie be- reits gesagt mit Hausverstand und Menschenkenntnis.


?Wird Ihrer Erfahrung nach in Stelleninseraten noch immer diskriminiert oder funktioniert das mittlerweile?

In meinem Bereich spielen Unterschiede wie Geschlecht, Religion oder Herkunft bei der Personalakquise keine Rolle. Positionen werden ge- schlechtsneutral besetzt. Das darf aber natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass manche Positionen familienfreundlicher sind als andere. Es hängt auch vom persönlichen Fokus ab, wer sich wofür am besten eignet. Auch dafür ist ein persönliches Gespräch gut geeignet.


?Sollten Karriereportale international funktionieren oder reicht national?

Karriereportale funktionieren im gesamten deutschsprachigen Raum sehr gut. Der Bekanntheitsgrad der heimischen Kliniken ist gegeben – für Lei- tungsfunktionen reicht das.


?Braucht es eigene Plattformen für leitende Funktionen oder reicht eine Plattform für die gesamte Gesundheitsbranche?

Ich finde, es braucht unbedingt eine Plattform für junge Kolleginnen und Kollegen, die sich für leitende Positionen interessieren – am besten in Kombination mit dem Angebot für Mentorings und Managementkurse. Das wäre eine gute Idee für den VLKÖ: eine Plattform für jene, die höhere Positionen suchen, nicht für jene, die sie schon haben.


?Ist es richtig, dass für jüngere Bewerber die Work-Life-Balance ein entscheidendes Kriterium ist?

Im Gespräch mit diesen Bewerbern wird das nicht direkt thematisiert, aber gelebt wird es durchaus. Es wird davon ausgegangen. Die jüngere Ge- neration möchte mehr Freizeit haben – hier hat sich einiges geändert. Wir stehen jedoch auf der anderen Seite vor einem Arbeits- und Arbeitszei- truhegesetz mit vielen Implikationen. Mit der Opt-out-Option wurde in Wahrheit die Deadline der EU ausgesetzt und jetzt auch prolongiert. Früher war der berufliche Stress zu hoch, nun schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Das Mehr an gewollter oder ungewollter Freizeit könnte da- für sorgen, dass die Qualität in der Ausbildung sinkt, denn der berufliche Zeitmangel sorgt dafür, dass sich in der Ausbildung der Mediziner nicht alle geforderten Ausbildungsinhalte mehr abbilden lassen.


?Welche Tipps haben Sie für Ärzte, die Jobs suchen?

Ich kann nur empfehlen, ältere Kolleginnen und Kollegen um Rat zu fragen. Ein guter Mentor könnte jüngere Kollegen für Hearings coachen. Auch das wäre eine passende Aufgabe für den VLKÖ: die Vermittlung von Mentoren bzw. Coaches.


?Und welche Tipps haben Sie für Arbeitgeber, die Ärzte suchen?

Abgesehen von einem Headhunter und der Hearing-Kommission sollte jemand bei der Personalakquise zum Zug kommen, der mit Hausverstand, Erfahrung und Menschenkenntnis den Bewerber hinsichtlich seiner Führungsqualitäten durchleuchten kann.


?Welche Karriereplattformen werden am meisten genutzt? Womit haben Sie gute Erfahrungen gemacht?

Neben der Plattform des VLKÖ habe ich mit LinkedIn gute Erfahrungen gemacht. Im Bereich der Plastischen Chirurgie ist auch MOCCI zu erwäh- nen. Hier sind nicht nur geprüfte Ärzte zu finden, sondern auch Patienten können hier Ärzte suchen.


bw