PHYTHOTHERAPIE | Harnwegsinfekte

Phytotherapien gegen chronisch rezidivierende Harnwegsinfekte

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In der Vielzahl von Therapien gegen Harnwegsinfekte fin- den sich Cochrane Reviews zu zwei Gruppen pflanzenba- sierter Therapeutika: chinesische Kräuter und Moosbeeren/Cranberries.

Fast 5 % aller Frauen leiden an chronisch wiederkehrenden Harnwegsinfekten (rHWIs). Diese sind mit mindestens drei Episoden im Jahr oder zwei Episoden im Halbjahr definiert. Häufig kann eine sanierbare Ursache diagnostiziert und behandelt werden, ist eine solche aber nicht vorhanden bleibt nur die symptomatische Prophylaxe und Therapie.

Antibiotika sind der Grundpfeiler der Therapie rezidivierender HWIs, aber nicht zwingend zur Behandlung notwendig. In den neuesten S3 Guideli- nes der Deutschen Gesellschaft für Urologie wird darauf hingewiesen, dass „die Indikation zu einer Antibiotikatherapie kritisch gestellt werden soll, um unnötige Therapien zu vermeiden und Resistenzentwicklungen zu reduzieren“. Eine rein symptomatische Therapie ohne Antibiotika könne bei Patientinnen mit leichten bis mittelgradigen Beschwerden erwogen werden. Eine Aufklärung und ausführliche Beratung zur Vermeidung von Risi- koverhalten müssen vor jeder Therapie erfolgen. Vor einer Antibiotika-Langzeitprophylaxe sollte ein Immunprophylaktikum mit inaktivierten Bakteri- enfraktionen über drei Monate eingesetzt werden. Alternativ dazu könnte die Anwendung verschiedener Phytotherapeutika versucht werden.


Evidenz zur Phytotherapie

In der Vielzahl von Therapien gegen Harnwegsinfekte finden sich Cochrane Reviews zu zwei Gruppen pflanzenbasierter Therapeutika: chinesi- sche Kräuter und Moosbeeren/Cranberries. Chinesische Kräuter enthalten teilweise hochpotente Wirkstoffe, von denen einige gut erforscht und von der pharmazeutischen Industrie zu Medikamenten und Nahrungsergänzungsmittel weiterentwickelt wurden. Man nimmt an, dass ihre Wirkung gegen Harnwegsinfekte auf diuretischen, antibiotischen und analgetischen Eigenschaften der verschiedenen Kräuter beruht. So wirkt der chinesi- sche Goldfaden beispielsweise spezifisch gegen Escherichia-Coli-Bakterien. Die chinesische Kräuterheilkunde ist ein Teil der traditionellen chine- sischen Medizin (TCM), die Erkrankungen mit Mischungen aus zehn bis 15 Kräutern behandelt. Die Mischungen können standardisiert angewandt werden oder sind auf den individuellen Patienten abgestimmt. Die Autoren führten eine systematische Literatursuche durch und fanden insgesamt sieben randomisiert kontrollierte Studien zu diesem Thema. Drei Studien evaluierten die Effektivität von chinesischen Kräutern im Vergleich zu zu Antibiotika, wobei die Kräutermischungen fix zusammengesetzt waren und in zwei der Studien bei Bedarf leicht modifiziert wurden. Die Kräuter- tees wurden von den Studienteilnehmern zweimal täglich eingenommen. Es zeigte sich, dass die Häufigkeit wiederkehrender Harnwegsinfekte durch die Kräutertees im Vergleich zu Langzeitantibiotika um 21 % gesenkt werden konnte. Nebenwirkungen wurden nicht berichtet. Jedoch: Kei- ne der Studien konnte Teetrinken verblinden, sodass eine bewusste oder unbewusste Einflussnahme auf das Ergebnis der Studie möglich gewe- sen sein könnte. Die Zahl und Größe der Studien war außerdem für eine eindeutige Therapie-Empfehlung durch die Autoren nicht ausreichend.


Cranberries zur Prophylaxe

Auch zu Moosbeeren, unter dem englischen Namen Cranberries bekannt, findet man einen aktualisierten Cochrane Review zur Prophylaxe von re- zidivierenden Harnwegsinfekten. Die aktiven Inhaltsstoffe der Beeren, die den Harnwegsinfekt verhindern sollen, sind Fructose und Polyphenole namens Proanthocyanidine, beide sollen ein Anhaften von Escherichia Coli am Endothel des Urogenitaltrakts erschweren. Cranberries können da- für als Saft, Konzentrat, Kapseln oder Tabletten eingenommen werden. Zur Effektivität verschiedener Cranberry-Produkte für die Prophylaxe von Harnwegsinfekten fanden die Autoren des Reviews mit einer systematischen Literatursuche 24 Studien mit über 2.000 Studienteilnehmern. Die

Studienteilnehmer mussten täglich 30 bis 1.000 ml Cranberry-Saft, 50 ml Cranberry-Konzentrat oder 400 bis 2.000 mg Cranberry-Tabletten einneh- men. Verglichen wurde gegen Placebo, Wasser, Methenamin Hippurat, Antibiotika und gegen Lactobacillus-Präparate. Die Dauer der meisten Stu- dien war mit sechs Monaten angesetzt.

Die beiden Cochrane Reviews zeigen, dass es derzeit keine ausreichende Evidenz für eine eindeutigen Effekt chinesischer Kräuter und Moosbee- ren auf die Entstehung von Harnwegsinfekten gibt. Diese Schlussfolgerung der Autoren könnte sich aber möglicherweise in Zukunft ändern, wenn weitere klinische Vergleichsstudien mit wirksamen und für Patienten anwendbaren Interventionen, sowie guten Qualitätskriterien, wie beispielswei- se einem Double-Dummy-Verblindungsverfahren, zur Verfügung stehen.


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