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SUCHT |  Aktuelle Herausforderungen

Wo die Sucht salonfähig ist

Shoppen, Spielen oder Essen passiert einfach per Mausklick im eigenen Wohnzimmer – unbemerkt und anonym. So bedienen Verhaltenssüchte schnell und unkompliziert die menschliche Suche nach Beziehungen. Ein Phänomen, das längst nicht nur Randgruppen betrifft.

Ob die Sucht nach Arbeit, nach Einkaufen, nach Social Media – sie hat alle Lebensbereiche und alle sozialen Schichten er- fasst. Nach wie vor konzentriert sich die Betrachtung Sucht als Erkrankung auf jene, die von stoffgebundenen Süchten betrof- fen sind. Doch die Tragweite ist längst eine andere, denn viele von uns sind abhängig von Gütern, die dank Internet rund um die Uhr und völlig legal verfügbar sind. „Anstelle von Heroin, Kokain oder LSD heißen die Drogen heute Kaufen, Internet und Spielen“, bringt es Prim. Dr. Kurosch Yazdi, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Leiter der Suchtkli- nik des Kepler Universitätsklinikum Linz, auf den Punkt. „Das Gehirn verfügt über ein biologisches Belohnungssystem, das das Glückshormon Dopamin ausschüttet. Das ist in Zeiten von knappen Angeboten durchaus sinnvoll, weil es zur Motivation und Leistung beiträgt. Haben wir jedoch alles im Überfluss, so muss die Dosis ständig erhöht werden, um mit den üblichen Beloh- nungen auch glücklich zu werden.“


Nachgefragt bei …

… Prim. Dr. Kurosch Yazdi, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Leiter der Suchtklinik des Kepler Universitätsklinikum Linz


?Die heutigen Drogen heißen Kaufen, Internet und Spielen – warum hat sich das gewandelt, und wie dramatisch ist es in der österreichischen Gesellschaft?

Der Hauptfaktor ist die Verfügbarkeit. Viele Süchte wie etwa Glücksspiel oder Kaufsucht sind nicht neu, aber die ständige Ver- fügbarkeit durch das Internet hat hier die Dimensionen erweitert. Alkohol und Zigaretten waren immer leicht verfügbar, das In- ternet und die Geräte dazu sind in den letzten Jahren ebenfalls viel einfacher zugänglich geworden. Daher steigt nicht nur die Verwendung, sondern auch die Zahl der Süchtigen. Denn vieles davon ist ganz einfach zugänglich, ohne Altersbeschränkung, ohne Kontrolle. Früher musste sich ein Spielsüchtiger hübsch anziehen und ins Casino gehen, dort war er möglicherweise schon bekannt. Kaufsüchtige waren durch Ladenöffnungszeiten eingeschränkt, heute reicht ein Mausklick und alles kann 24 Stunden, sieben Tage die Woche bestellt werden.


?Verhaltenssüchte sind Teil eines „Lifestyle-Konzepts“ – helfen Werbebeschränkungen?

Alles, was die Verfügbarkeit einschränkt, reduziert auch die Zahl der Süchtigen. Werbeverbote sind eine Möglichkeit, die Regu- lation über den Preis, das Einstiegsalter oder Registrierungen ebenfalls. Ich prangere nicht die Werbung an sich an, aber die Werbewirtschaft hat in den letzten Jahren die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen entdeckt und geht immer aggressiver vor, diese zu umgarnen. Werbung in Schulen war beispielsweise lange verboten, heute ist das kein Thema mehr. Noch dazu sind sie mittlerweile auch kaufkräftige kleine Konsumenten, haben mehr Taschengeld und sind damit echte Entscheider am Markt geworden.


?Ist das Internet der größte Sündenbock?

Mit der Zahl der internetfähigen Geräte steigt auch die Zahl der Internetsüchtigen. Die Medien an sich dafür zur Verantwortung zu ziehen, wäre zu einfach. Viel eher gilt es, das neue Lernen auf diese Entwicklung abzustimmen und den Rahmen für eine zu dieser Entwicklung passende Medienkompetenz abzustecken. Wir kämpfen mit tiefgreifenden Perspektivenproblemen, denn die meisten Kindern und Jugendlichen können keine Vorteile sehen, die sich nach dem Suchtende einstellen. Daher ist die Therapiemotivation und Veränderungsbereitschaft bei jungen Menschen mit Verhaltenssüchten meist geringer als vergleichs- weise bei Erwachsenen.


?Wie beurteilen Sie die Beschränkungen rund um das Glücksspiel?

Das klassische Offline-Glücksspiel ist in Österreich sehr stark reglementiert. Demgegenüber haben wir wenig vergleichbare Auflagen in angrenzenden Ländern, sodass hier ein regelrechter Massentourismus einsetzt. Patienten erzählen mir, dass sie mit Bussen abgeholt werden und zu Casinos in der Slowakei und Tschechien fahren. Zusätzlich wird dort gratis Alkohol ausge- schenkt. Das senkt die Hemmschwelle und macht risikofreudiger. Auch bei Glücksspielen im Internet drückt man gerne ein Auge zu, obwohl hier die Zugangsbeschränkungen durchaus einfach zu handhaben wären. Zusätzlich sind es vor allem jünge- re Einsteiger, die Online-Glücksspiele eher nutzen und jene, die bereits offline eingeschränkte Spielmöglichkeiten haben. Damit wird natürlich ein großer Teil der Problematik verlagert und die Verfügbarkeit erst recht wieder vereinfacht.


?Menschen mit Verhaltenssüchten tun im Gegensatz zu den Drogensüchtigen nichts Verbotenes oder Kriminelles – welche Chancen hat man in der Medizin hier überhaupt, auf diese Betroffenen einzuwirken?

Wir müssen uns im Klaren sein, dass die meisten Süchtigen – unabhängig, ob substanzgebunden oder nicht – erst dann Hilfe suchen, wenn das Problem schon sehr gravierend ist. Der durchschnittliche Spielsüchtige hat bereits über 40.000 Euro nur an Spielschulden, wenn er in der Therapie aufschlägt.

Zudem kommen viele gar nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil Angehörige Druck ausüben, der Arbeitgeber sonst mit Kün- digung droht oder der Schulpsychologe das empfohlen hat. Das ist mein Dilemma in der Therapie: Wie soll ich den Patienten psychotherapeutisch behandeln, wenn er gar keine Therapie will?


?Bei Kaufen oder Spielen stehen im Unternehmen dahinter, die Umsätze machen wollen. Welche Verantwortung haben sie und nehmen sie diese ausreichend wahr?

Ich finde es richtig, wenn Unternehmen hier passende Angebote machen. Die Glücksspielindustrie ist sogar verpflichtet, aktiv Spielerschutz zu betreiben, dazu kann unter anderem auch finanzielle Unterstützung von Beratungsstellen gehören. In Wirklich- keit muss die Glücksspielindustrie die entsprechenden Ambulanzen nicht unterstützen. Sie könnte auch zum Beispiel sich da- mit begnügen, Infomaterial über die Gefahren von übermäßigem Glücksspiel den Kunden zur Verfügung zu stellen. Aber fast alle Anbieter unterstützen eben entsprechende professionelle Beratungsstellen. So etwas würde ich mir auch von der Alkohol- und Tabakindustrie wünschen, auch im Wettsport oder bei Anbietern von Social-Media-Plattformen und Internet-Spielen fehlen derartige Vorschriften. Die Steuern, die von den Unternehmen bezahlt werden, sind ja derzeit nicht zweckgebunden.


?Wie viele Menschen sind betroffen?

Beim Glücksspiel wissen wir das ganz gut – etwa ein Prozent aller Erwachsenen hat einen problematischen Zugang, das heißt aber noch nicht, dass es sich um eine Sucht handelt. Etwa 0,4 Prozent sind süchtig, 0,7 Prozent sind noch nicht süchtig, wei- sen aber einen übermäßigen Konsum auf.

Beim Thema Internet sind die Zahlen schwieriger, da haben wir in Österreich keine seriösen Studien neueren Datums. Die letz- ten Zahlen stammen aus 2012 und 2013, damals waren etwa vier Prozent der 15-Jährigen Internetsüchtig. Aus Deutschland wissen wird, dass der Trend stark gestiegen ist und derzeit bei rund sieben Prozent liegt. Ähnliches wird auch für Österreich gelten. Wir sehen das auch bei unseren Ambulanzpatienten. Noch vor zehn Jahren waren es eher Studenten, mittlerweile habe ich Elfjährige, die rund zwölf Stunden pro Tag am Computer sitzen. Wo wir so gut wie keine validen Zahlen haben, ist bei der Kaufsucht, denn das Einkaufen ist ja grundsätzlich ein alltägliches Verhalten und es ist schwer eine Grenze zu ziehen, ab wann die Übertreibung so stark ist, dass wir es als krankhaft bezeichnen müssen. Jeder von uns gönnt sich hin und wieder etwas, was vielleicht nicht dringend nötig gewesen wäre …