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Wir stromern herum

Mit dem eleganten EV6 ist dem koreanischen Autobauer Kia endgültig der Sprung ins Premium-Segment gelungen. Das Luxus dabei nicht teuer zu sein hat, zeigt ein Blick in die erstaunlich moderat gestaltete Preisliste. Welche Perspektiven sich an Bord der elektrisch betriebenen Limousine sonst noch auftun, überprüfen wir diesmal mit dem Anästhesisten und Notfallmediziner Dr. Rainer Schmid.



Mit dem charsimatischen EV6 zeigt Kia endgültig, dass sie auch „Premium“ können. Der Innenraum überzeugt mit luftigem Raumgefühl und moderner Gestaltung.

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fotoS: Christian kerbler

Den Weg von Kia vom Kleinwagen-Lieferanten zum komplett aufgestellen Anbieter zeitgemäßer Mobilität als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen, wäre glatt untertrieben. Mittlerweile werden die für den europäischen Markt gedachten Fahrzeuge in Deutschland entwickelt und gezeichnet. Eine der Schlüsselfiguren ist dabei der deutsche Designer Peter Schreyer, der bei VW unter anderem für die Neuauflage des Beetle verantwortlich zeichnete und ab 2006 noch dafür belächelt wurde, zu den Koreanern zu wechseln. Er schaffte es dem Line-up eine eigenständig durchdeklinierte Formensprache zu geben. Als charakteristisches Merkmal entwickelte er mit der „Tiger Nose“ die heute so typische Doppeltrapezform des Kühlergesichts. Seit knapp einem Jahr zeigt sich der jüngste und wohl innovativste Kia-Spross im Straßenbild. Der rein elektrische EV6 ist rein optisch schon mal ein Hingucker. Die (ganz schön) große Mittelklasse-Limousine mit der coupéhaft niedrigen Silhouette, dem langen Radstand und dem runden Heck samt integriertem Spoiler fällt auf.


Raumwunder

Beim Einsteigen fällt erst einmal die Luftigkeit im extrem großzügig geschnittenen Innenraum auf. Da sämtliche technische Einschränkungen eines Verbrenners wie ein Getriebe mit dem nach hinten laufenden Kardantunnel wegfallen, konnten sich die Innenraumgestalter so richtig austoben. Auf Knopfdruck erwachen die Bildschirme, ein Drehregler legt den Gang ein ... und los geht’s. Über 100 km Strecke mit allem, was der heutige Verkehr zu bieten hat, liegen bis zum Treffpunkt mit Dr. Schmid vor uns. Beim Losfahren zeigt die Ladeanzeige eine Reichweite von 440 km. Das sollte reichen, dem Potenzial des Trendsetters ohne Ladepause auf den Zahn zu fühlen. Und wenn nicht, wär’s auch nicht tragisch. Dank 800-Volt- Technologie lädt der Kia seinen Akku in knapp 20 Minuten wieder auf. Eine entsprechende Ladestation vorausgesetzt.

Im Eco-Mode rollen wir los. Hier ist das „Strompedal“ extrem langwegig, man fährt automatisch defensiv, rollt flüsterleise mit dem Strom. Auf der Autobahn wechseln wir zuerst zu „Normal“, dann zu „Sport“. Die Displays färben sich rot, der Kia stürmt nach vorne wie von der Tarantel gestochen. Der Führerscheinverlust ist immer nur einen kleinen Kick des rechten Fußgelenks entfernt. Also Tempomat rein und gleiten lassen. Auf der Langstrecke kann man den Assistenzsystemen die Arbeit überlassen. Man könnte getrost ein Buch auspacken, würde man nicht alle paar Sekunden daran erinnert, die Hände am Lenkrad zu lassen. Sollte sich der Gesetzgeber irgendwann mal auf eine allgemeine Regelung einigen, wird das mit dem autonomen Fahren sicher noch angenehmer.


Kann auch Kurven

Wir erreichen Wr. Neustadt im Handstreich und biegen ins kurvige Hinterland ab. Im malerischen Reichenau an der Rax treffen wir Dr. Rainer Schmid. Hier hat die Familie seit Jahrzehnten ein kuscheliges Hideaway. Ein Paradies für den ambitionierten Marathon- und Bergläufer, der in seiner Freizeit gerne auf

Zehntelsekunden genau italienische Klassiker über Oldtimer-Rallye-Sonderprüfungen scheucht. Und gerade recht, um sich von den letzten stressigen Jahren zu erholen. Als Oberarzt an der Intensivstation in der Klinik Ottakring steht er in der Pandemiebekämpfung immer an vorderster Front. Eine interessante Kombination also.

Nach der herzlichen Begrüßung geht es gleich in medias res. Mit den geschulten Blicken des Auto-Enthusiasten umrundet Dr. Schmid den EV6, lässt sich geduldig einweisen und legt los. Die Sport-Mode-Taste am Lenkrad ist rasch gefunden – wir surfen kurvige Bergstraßen ab und genießen die ansatzlose Beschleunigung aus den scharfen Spitzkehren. Der EV6 wirft seine fast zwei Tonnen Gewicht leichtfüßig von einer Kurve in die nächste. „Ich bin noch nie mit einem E-Auto gefahren und war demensprechend neugierig“, meint Rainer und fügt hinzu: „Die Beschleunigung ist beeindruckend. Das liegt und lenkt und bremst auch gut. Was mir als ‚Alteisen- Fan‘ ein bissl fehlt, ist ein drittes Pedal, ein Schalthebel und der Sound, der Geruch eines feinen Motors. Da bin ich halt ein bissl altmodisch. Aber für den Alltag und auf Reisen ist das schon vorstellbar.“

Wenig später stromert der Kia wieder Richtung Heimat. Stau auf der Südosttangente. Der EV6 kümmert sich um alles. Ich lasse die Gedanken schweifen. Wenn das die Zukunft ist, dann soll sie kommen!


ck