REHABILITATION | Regeneration

Auszeit &

Regeneration

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Sich wohlfühlen, gesund bleiben oder wieder gesund werden: Der Weg zu Erholung, Entspannung, Gesundheit und Lebensfreude ist individuell verschieden.

Dr. Brigitte Lindenbauer, Ärztliche Leiterin der psychiatri- schen Rehabilitation im Vortuna Gesundheitsresort GmbH Bad Leonfelden, gibt Einblick in

das Angebot.

?Der aktuelle Fehlzeitenreport zeigt, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen, die in einer langfristigen Betrachtung stark zugenommen hat, seit 2016 annähernd konstant ist. Die tatsächliche Bedeutung von psychischen Erkrankungen für das gesundheitliche Wohlbefinden der Erwerbsbevölkerung lässt sich jedoch nur schwer aus den Krankenstandszahlen ablesen. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht und wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung ein?

Eine umfassende Antwort auf diese Frage würde wohl den Rahmen hier sprengen. Der Druck in der Arbeitswelt steigt stetig an, verlässliche Beziehungen in Zeiten der elektronischen Medien werden weniger. Menschen vereinsamen, weil auch in der Arbeits- welt wenig Platz für soziales Gefüge ist. Hier wurde in den letzten Jahren viel Einsparungspotenzial gesehen. Gleichzeitig ist es kaum mehr möglich, schwächere Kollegen „mitzuziehen“. In der Gesamtschau können so Krisen, die jeder Mensch im Laufe sei- nes Lebens zu bewältigen hat, eher in psychiatrische Krankheitsbilder übergehen, weil die natürliche Kompensation nicht mehr stattfinden kann. Die Erwartung an die Psychiatrie, Menschen wieder auf Dauer fit für dieses System zu machen, können natürlich nur zum Teil erfüllt werden.


?Aus welchen Gründen kommen Patienten zur psychiatrischen Rehabilitation?

Die Patienten werden von Fach- oder Hausärzten geschickt, zum Teil direkt vom Sozialversicherungsträger. Es geht um Stabilisie- rung nach schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankungen, Früherfassung und Behandlung von beginnenden psychiatrischen Krankheitsbildern. Oft kommen auch Patienten, die einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik noch immer als stigmatisierend empfinden, eher zu einer psychiatrischen Rehabilitation zur Abklärung und Therapie.


?Wann ist eine psychiatrische Rehabilitation sinnvoll? Gibt es Kontraindikationen?

Ein psychiatrisches Krankheitsbild sollte vorliegen. Der Schweregrad darf aber nicht derart ausgeprägt sein, dass eine Akutbe- handlung in einer Klinik sinnvoller wäre. Der Patient muss soweit in der Lage sein, die Sprache so zu beherrschen, dass er einer Gruppenpsychotherapie folgen und davon profitieren kann, das gilt ebenso für die kognitiven Fähigkeiten. Patienten mit ausge- prägter Angst vor Gruppen können kaum profitieren. Hier ist eine vorbereitende Einzeltherapie indiziert. Für aktive Abhängigkeits- erkrankungen bieten anderen Schwerpunkteinrichtungen passendere Konzepte. Schwere Erkrankungen mit erhöhtem Pflege-

oder Geräteaufwand können in der Regel nicht versorgt werden. Wichtig ist, dass der Zuweiser dem Patienten erklärt, was ihn in der Reha erwartet und warum er es für sin- nvoll erachtet. Es kommt immer wieder vor, dass Patienten mit der Erwartung eincheck- en, dass eine Behandlung bei uns Erholung und physiotherapeutische Anwendungen wie Massagen beinhaltet. Eine erfolgreiche psychiatrische Reha ist an die aktive Mitar- beit des Patienten geknüpft – und das ist für die Betroffenen zum Teil extrem anstrengend.


?Welche Unterstützungs- und Behandlungsmaßnahmen bieten Sie konkret an?

Bei uns liegt der Fokus auf gesprächstherapeutischen und nonverbalen Gruppenange- boten. Es wird versucht, zusätzlich zum Basisprogramm mit ausgewählten Modulen und Einzeltherapien auf individuelle Problematiken einzugehen. Einzelpsychotherapie ist verpflichtend vorgesehen. Regelmäßige Facharztvisiten und -gespräche sind ebenso Bestandteil unseres Programms wie somatische Visiten.


?Wie können Patienten das Programm in Anspruch nehmen?

Die Zuweisung erfolgt durch den Sozialversicherungsträger, bei dem über Hausärzte

und Fachärzte angesucht wird. Die Auswahl an Programmen wird bei uns in der Einrichtung von erfahrenem Personal getroffen.


?Stressbedingte Erkrankungen sind nach wie vor für einen Großteil der beruflichen Fehlzeiten verantwortlich. Ist es bes- ser, kleine Pausen in den Alltag einzubauen oder einmal jährlich die „große Auszeit“ zu nehmen?

Das ist individuell verschieden. Eine Pause von zwei bis drei Wochen ist allerdings meines Erachtens nach wichtig, um wirklich einmal den Kopf frei zu bekommen. Das ersetzt allerdings nicht die Notwendigkeit, den eigenen Alltag so zu strukturieren, dass man nicht permanent in die Überforderung kommt.


?Psychische Erkrankungen betreffen eine immer größer werdende Anzahl von Menschen. Sie gehen mit großem persönli- chem Leidensdruck einher. Wie werden die Angehörigen, die eine wichtige Rolle spielen, einbezogen?

Die Patienten werden motiviert, therapeutische Ausgänge nach Hause zu unternehmen, um im Kontakt mit ihren Bezugspersonen neue Verhaltensweisen zu üben. Das ist auch wichtig, um die Fortschritte des Patienten in der Reha schrittweise ins persönliche Bezugssystem zu überführen. Angehörigengespräche finden nach Möglichkeit statt.


?Wissenschaftlich erwiesen ist die wechselseitige Beeinflussung von psychischem Befinden und beruflicher Leistungsfä- higkeit. Wie wird das in ihrem Haus umgesetzt?

Wir versuchen, für unsere Mitarbeiter Bedingungen zu schaffen, die ein freudvolles Arbeiten ermöglichen. Eine konstruktive Zu- sammenarbeit ist unserem gesamten Team wichtig, ebenso wie Zeitfenster, um im Berufsalltag auch schwierige Situationen ge- meinsam besprechen und meistern zu können. Es wird versucht, die Weiterentwicklung des Betriebs gemeinsam mit den Mitar- beitern zu erreichen und die Ideen derer, die täglich mit unseren Patienten großartige Arbeit leisten, einfließen zu lassen. Mein persönliches Anliegen ist, dass wir ein Betriebsklima haben, das Raum für persönlichen Austausch ermöglicht.


?Wenn eine Wiederaufnahme der Berufstätigkeit schwierig oder gar unmöglich scheint, kann eine Verbesserung der funk- tionalen Gesundheit und ein befriedigendes Leben in Familie und Gemeinschaft ein sinnvolles Ziel der psychiatrischen Rehabilitation sein. Wie wird das Ziel erreicht?

Eine Verbesserung der Funktionsfähigkeit im Alltag ist ein sinnvolles Reha-Ziel, nicht nur für den Einzelnen und sein Umfeld, son- dern auch, weil es langfristig der Gesamtgesellschaft Kosten sparen hilft. Unser Gesamttherapieprogramm setzt hier einen wichti- gen zusätzlichen Schwerpunkt. Ich bin mir sicher, dass ein funktionierendes persönliches Umfeld auch bei Berufstätigen ein we- sentlicher Faktor zur Erhaltung der Erwerbstätigkeit ist.


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