KUR & GVA | Forschung

Wie viel Wissenschaft steckt in der Kurmedizin?

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Ein Blick auf ausgewählte Publikationen aus dem Jahr 2019 zeigt, dass eine wissenschaftliche Balneologie in verschiedenen, vor allem nicht-europäischen

Ländern, durchaus präsent ist.

Von verschiedenen Seiten wird häufig die Meinung geäußert, dass es sich bei den Begriffen Balneologie oder Kur nicht um wissenschaftlich fundierte The- men handeln würde. Dies betrifft häufig die Bedeutung der natürlichen ortsge- bundenen Heilvorkommen und deren Wirkungen. Dabei wird allerdings die Tat- sache ignoriert, dass die genannten Bereiche durchaus eine universitäre Ver- ankerung aufweisen. Aus verschiedenen Gründen haben sich die Universitäten in Mitteleuropa in den letzten Jahren weitgehend aus der Kurforschung zurück- gezogen. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass universitäre Forschung auf

diesen Gebieten überhaupt nicht mehr existiert. Wie nachfolgend am Beispiel einiger neuer Publikationen aus dem Jahr 2019 ge- zeigt werden kann, ist eine wissenschaftliche Balneologie in verschiedenen, vor allem nicht-europäischen Ländern, nach wie vor präsent.


Publikationen aus China und Russland

In einer Metaanalyse aus China1) wurde die Effektivität der Balneotherapie bei chronischen Kreuzschmerzen untersucht. Zwölf Studien entsprachen den Einschlusskriterien. Das Resultat der Metaanalyse war, dass Balneotherapie zu einer Schmerzlinderung und zu einer Verbesserung der Funktion der Wirbelsäule führt. Angemerkt wird allerdings auch, dass die Qualität der Studien durch ein doppelblindes Design, größere Patientenzahlen und längere Nachuntersuchungszeiten verbessert werden sollte.

Eine Publikation aus Russland2) befasste sich mit der Frage, ob der Balneotherapie eine Bedeutung bei der Beeinflussung von Risikofaktoren kardiovaskulärer Erkrankungen zukommt. Auch dabei

handelt es sich um eine Recherche

in verschiedenen internationalen Datenbanken. Die untersuchten Endpunkte waren der Blutdruck, der Body-Mass-Index, das Li- pidprofil, die körperliche Aktivität sowie die Morbiditäts- und Mortalitätsraten. Eine Generalisierung der Resultate war wegen der Heterogenität der Studien nicht möglich. Es wird allerdings angeregt, auf der Basis der vorhandenen Erfahrungen eine Strategie für weitere Studien mit höherer Qualität auszuarbeiten.


Effekte serieller Heilmoorbäder

Angesichts der Bedeutung von balneologischen Kuren bei verschiedenen Erkrankungen des Bewegungsapparates erscheint es nicht verwunderlich, dass zu dieser Problematik einige Studien neueren Datums existieren. In einer dieser Studien3) wurden die Effekte serieller Heilmoorbäder bei entzündlichem und degenerativem Rheuma untersucht. Die Heilmoorbäder wurden ergänzt mit Maßnahmen der physikalischen Therapie. Es konnten sowohl bei entzündlichem als auch bei degenerativem Rheuma nach- haltige Effekte im Hinblick auf funktionelle Parameter nachgewiesen werden. Es wurden auch Effekte auf molekularer Ebene indu- ziert, die möglicherweise mit osteoprotektiven und chondroprotektiven Auswirkungen verbunden sind.

Die Effizienz der Anwendung von Thermalwasser auf Beschwerden, die durch Fibromyalgie verursacht wurden, wurde in einer randomisierten Studie mit Crossover-Design untersucht4). Verglichen wurde eine standardisierte pharmakologische Therapie mit einer pharmakologischen Therapie ergänzt durch zusätzliche Thermalwasseranwendungen. Die Reduktion der Beschwerden war nach dem Ende der Thermalwasserbäder sowie drei Monate später statistisch signifikant ausgeprägter als bei alleiniger Pharmakotherapie.

Auswirkungen auf Schmerzen

Mit der Frage, ob bei der Behandlung von muskulo-skeletalen Schmerzen die Mineralisierung von balneotherapeutisch eingesetz- tem Wasser eine Rolle spielt, befasste sich eine Studie aus Litauen5). Das Studiendesign war kontrolliert und einfach verblindet. Als Kontrolle diente Leitungswasser, als Verum unterschiedlich stark mineralisierte Wässer. Zwischen den Bädern im Leitungswas- ser und den Mineralwässern konnten Unterschiede im Hinblick auf die Schmerzintensität, die Wirbelsäulenmobilität und die Schlafqualität festgestellt werden, wobei die Mineralwasserbäder bessere Wirkungen aufwiesen. Das Ausmaß der Mineralisierung spielte keine Rolle.

In einer randomisierten Studie an 305 Patienten wurde der Effekt der Balneotherapie auf Schmerz und Erschöpfung bei älteren Patienten mit Osteoarthritis im Bereich der Knie untersucht6). Eine Gruppe erhielt nur physikalische Therapie, die andere eine Kombination aus physikalischer Therapie und Balneotherapie. Als Instrumente zur Messung der therapeutischen Effekte wurden verschiedene strukturierte Fragebogen eingesetzt. Die Kombination von Balneotherapie und physikalischer Therapie erwies sich als wirksamer im Hinblick auf Schmerzreduktion, Funktionalität, Lebensqualität, Erschöpfung und Schlafqualität als die physikali- sche Therapie ohne Balneotherapie.

Die Wirkung von ambulanter Hydro- und Peloidtherapie bei chronischem Kreuzschmerz wurde in einer retrospektiven Beobach- tungsstudie bei 139 Patienten beiderlei Geschlechts untersucht7). Als Messinstrumente wurden verschiedene strukturierte Frage- bogen eingesetzt. Es konnte eine statistisch signifikante Besserung bei allen untersuchten Parametern nach den balneotherapeu- tischen Behandlungen festgestellt werden. Die Dauer der Behandlungen, das Alter und das Geschlecht hatten keinen Einfluss auf die Ergebnisse der Studie. Die Autoren betrachten ihre Ergebnisse als vorläufig und weisen darauf hin, dass randomisierte, kon- trollierte Studien notwendig sind, um die vorläufigen Ergebnisse zu bestätigen.


Effekte von H2S-haltigen Wässern

Eine nicht alltägliche, aber aus der Sicht der Balneologie interessante Fragestellung betrifft H2S, also jene chemische Verbin- dung, die Grundlage der Qualifikation eines Wassers als Schwefelheilwasser ist. Schon seit Jahren finden sich in der biochemi- schen und physiologischen Literatur wissenschaftliche Hinweise dafür, dass H2S im Organismus eine Rolle als gasförmiger Transmitter wie NO und CO spielt. In einer Metaanalyse8) wurden die Ergebnisse von neuen wissenschaftlichen Publikationen präsentiert, die sich mit den Effekten der peroralen Zufuhr von H2S-haltigen Wässern bei Labortieren befassten. Die Tiere tranken das schwefelhaltige Wasser ad libitum. Positive Auswirkungen wurden unter anderem bei Diabetes, auf den Glukosestoffwechsel und den Lipidstoffwechsel gefunden. Die Auswirkungen wurden biochemisch, histologisch und auf biomolekularer Ebene verifi- ziert. Die Autoren der Metaanalyse weisen darauf hin, dass solche Untersuchungen am Menschen bisher noch nicht durchgeführt wurden. Möglicherweise ergeben sich aus solchen Untersuchungen neue Sichtweisen für den Einsatz von Trinkkuren mit Schwe- felwässern, die in der Vergangenheit durchaus zum Repertoire der balneotherapeutischen Anwendungen von Schwefelwässern gezählt haben.


Stärkung der wissenschaftlichen Basis der Kurmedizin

Diese wenigen Beispiele, die jederzeit ergänzt werden könnten, zeigen, dass Wis- senschaftlichkeit nach wie vor eine Rolle in der Balneologie und im Kurwesen spielt. Dazu kommt, dass die Akzeptanz der Bevölkerung zu diesem Angebotsbereich des Gesundheitswesens positiv ist. Diese positive Einstellung betrifft auch die Anwendung der ortsgebundenen natürlichen Heilmittel.

Der Begriff „evidenzbasiert“ genießt in der Medizin eine hohe Wertschätzung. Die ur- sprüngliche Formulierung dieses Begriffs bezieht sich auf die Empirie des Arztes, den Willen des Patienten und das Vorhandensein von wissenschaftlichen Studien. Alle diese Forderungen werden im Bereich der Kurmedizin grundsätzlich berücksichtigt. Bemühun- gen um eine weitere Stärkung der wissenschaftlichen Basis der Kurmedizin stellen dazu keinen Widerspruch dar, sie betreffen grundsätzlich auch alle anderen Bereiche des Gesundheitswesens und der Medizin.


Datenbank zur balneologischen Literatur

Der Österreichische Heilbäder- und Kurorteverband hat im Jahr 2019 die Gründung eines Dokumentationszentrums für Wissenschaft unterstützt, das in Kooperation mit dem Karl Landsteiner Institut für Traditionelle Medizin und der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin geführt wird und in den nächsten Jahren eine Daten- bank mit der vorhandenen balneologischen Literatur anlegen wird. Das Dokumentation- szentrum steht auch für die Übernahme von Forschungsaufträgen zur Verfügung.

Darüber hinaus wird zu Beginn des Jahres 2020 eine Initiative in Richtung internationaler Forschungskooperation gestartet um die aktive wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Ge- biet der Balneologie und Kurmedizin im mitteleuropäischen Bereich zu stärken. Es soll dabei im Wesentlichen um zwei Forschungsschwerpunkte gehen. Der erste dieser bei- den Schwerpunkte wird sich mit der Fragestellung des Effektes von Kuraufenthalten bei chronischen Erschöpfungszuständen befassen. Im Vordergrund sollen dabei zwei Fragestellungen stehen:

1. Welche Rolle kommt der Anwendung natürlicher ortsgebundener Heilvorkommen bei chronischer Erschöpfung zu?

2. Welchen Einfluss hat die Dauer des Aufenthalts für die Effekte und deren Nachhaltigkeit?

Der zweite Forschungsschwerpunkt soll die derzeit viel diskutierte Thematik der Kli- maveränderungen und deren Bedeutung für die Klimakurorte in den Vordergrund stellen. Bei diesem Forschungsschwerpunkt sollen zwei Fragenkomplexe bearbeitet werden:

1.Welche Auswirkungen können die Klimaveränderungen auf die Luftkurorte und heilkli- matischen Kurorte haben?

2.Ergeben sich daraus mögliche Vorteile für die Nutzung der gesundheitsförderlichen Klimafaktoren im Sinne von Klimakuren?





Literatur:

1) Ruixue Bai, Chihua Li, Yangxue Xiao et al: Effectiveness of spa therapy for patients with chronic low back pain. An updated systematic review and meta-analysis. Medicine (Baltimore) 2019,  98.

2) Persiyanova-Dubrova AL, Badalov NG, Marfina TV, Rachin AP: Balneotherapy and modification of risk factors in cardiovascular disease prevention programs. Vopr. Kurortol. Fizioter Lech Fiz Kult 2019, 96, 49-57.

3) Dischereit G., Goronzy JE, Müller-Ladner U, Fetaj S, Lange U. Effects of serial mud baths on inflammatory rheumatic and degenerative diseases. Z. Rheumatol. 2019, 78, 143-154,

4) Perez-Fernandez MR, Calvo-Ayuso N, et al: Efficacy of baths with mineral-medicinal water in patients with fibromyalgia: a randomized clinical trial. Int. J. Biometere- ol. . 2019, 63, 1161-1170.

5) Rapoliene L., Razbadauskas A., et al. Balneotherapy for musculoskeletal pain: does the mineral content matter? Int. J. Biometereol. 2019. Oct. 11.

6) Dilekci E, Özkuk K, Kaki B, Effect of balneotherapy on pain and fatigue in elderly with knee osteoarthritis receiving physical therapy: a randomized trial. Int. J. Bio- metereol. 2019, 12, 1555-1568.

7) Yücesy H., Gecmen I, Adigüzel T, Karagülle M , Karagülle MZ, Efficacy of balneologic outpatient treatment (hydrotherapy and peloidotherapy) for the management of chronic low back pain: a retrospective study, Internat. J. Biometereol. 2019, 63, S. 351-357.

8) MZ Karagülle, M. Karagülle, Effects of drinking natural hydrogen sulfide (H2S) waters: a systematic review of in vivo animal studies. Internat. J. Biometerology, Nov. 2019, p. 1-12.

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