Fortbildung & Klinik I Spitalsarbeitszeit

FotoS: ÖÄK/Bernhard Noll, Kanizaj-Marija, zvg, istockphoto/ Bartek Szewczyk

Opt-out wird

verlängert

Der Sozialausschuss hat der Verlängerung der Opt-out-Regelung grünes Licht erteilt.

Die Opposition übt Kritik.

Um die Spitalsarbeitszeit von  Österreichs Ärzten an europäische Standards anzugleichen, wurden ab 2014 überlange Wochenarbeitszeiten und Bereitschaftsdienste reduziert. Im Fall von Betriebsvereinbarungen und ausdrücklicher Zustimmung der Betroffenen konnte die grundsätzlich gel- tende durchschnittliche Wochenarbeitszeit von maximal 48 Stunden jedoch überschritten werden. Bis zu 55 Wochenarbeitsstunden waren mög- lich. Diese Regelung sollte im Juni 2021 auslaufen, wurde nun jedoch anhand eines Beschlusses des Sozialausschusses des Nationalrats bis 2025 verlängert. Danach ist bis 2028 eine Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 52 Stunden gestattet. Betroffene müssen jedoch nach wie vor zustimmen.


Spitalsträger in der Pflicht

Dr. Harald Mayer, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte, erklärt ÄRZTE EX- KLUSIV, warum es keine Alternative zur Verlängerung gab: „Die Reduktion der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf durchschnittlich 48 Stunden wurde im KA-AZG im Sinne des Arbeitnehmer- und Patientenschutzes EU-konform angepasst“, so Mayer. „Die Übergangsfrist, in der Ärztinnen und Ärzte sich dazu entschließen können, freiwillig länger zu arbeiten – wobei die ‚Freiwilligkeit‘ hier und da hinterfragt werden muss –, war ein Entgegenkommen, damit die Spitäler ihre Personalplanung an die kürzeren Arbeitszeiten anpassen können.“ Leider hätten manche Spitalsträger aber verabsäumt, entsprechende Dienstposten zu schaffen bzw. die Ressourcen bei den Bundesländern einzufordern. „Die Verlängerung des Opt-out ist die Bestätigung, dass eine langfristige Personalplanung verabsäumt wurde. Die Verlängerung der Arbeitszeit über das Opt-out wird aber den Personalmangel nicht lösen. Gerade junge Ärzte wollen zum großen Teil nicht länger als 48 Stunden im Schnitt arbeiten“, nimmt Mayer die Spitalsträger in die Pflicht. Um wie viele Betroffene es dabei tatsächlich geht, sei der ÖÄK nicht bekannt, denn dazu müssten die einzelnen Spitalsträger die Vereinbarungen offenlegen. „Wir gehen – bundesländerabhängig – von rund 20 bis 40 % aus. Das hängt auch sehr stark von der Größe des Hauses ab“, sagt Mayer.


Nachwuchsprobleme contra Versorgungssicherheit

Für die Nachwuchssicherung könnte dies jedoch problematisch werden, erwartet Mayer und führt aus: „Stellen Sie sich beispielsweise Folgendes vor: Ärzten, die eine Ausbildungsstelle suchen, wird gesagt, dass die Ausbildung nur mit Opt-out möglich ist. Gleichzeitig erhalten sie Angebote von anderen Spitälern im deutschsprachigen Ausland, die den gleichen Ausbil- dungsinhalt in kürzeren Arbeitszeiten garantieren. Mit dem Opt-out geht man das Risiko ein, den Ärzteschwund zu vergrößern. Wir können es uns aber nicht leisten, noch mehr Medizin- absolventen zu verlieren, als wir es ohnehin schon tun.“ Wenn die Arbeitslast umgekehrt vor allem auf den Schultern der erfahrenen Spitalsärzte laste, dann könne das auf Dauer auch nicht gut gehen, so der Bundeskurienobmann. „Man brennt damit das Personal aus und ris- kiert auch bei älteren Generationen, dass sie dem Spital aufgrund der Dienstzeiten den Rü- cken zukehren“, zeichnet Mayer ein gefährliches Szenario.

Dementsprechend sehen auch die Reaktionen der Ärzteschaft aus. Laut der Spitalsärzteum- frage, die von der BKAÄ regelmäßig beauftragt werde, lehnten etwa zwei Drittel die Verlänge- rung des Opt-outs vehement ab, weiß Mayer. Die Politik nennt als Begründung die Versor- gungssicherheit, doch diese Schlussfolgerung kann der Bundeskurienobmann nicht nach-

vollziehen, denn: „Längere Arbeitszeiten sichern nicht die Versorgung, zumal die jüngeren Ärztinnen und Ärzte genug Angebot haben – auch im Ausland –, um zu ihren Rahmenbedingungen zu arbeiten. Und sie wollen nicht noch länger arbeiten.“ Zusätz- lich komme die Arbeitsverdichtung. „Ich möchte be- tonen, dass die Begrenzung von Arbeitszeiten nicht nur die Ärztinnen und Ärzte schützt, sondern auch die Patienten“, weist Mayer auf ein weiteres Gegen- argument hin.


Investitionen und Ausbildungsqualität

Mayers Vorschläge zur Lösung des Personalmangel- problems sind Investitionen in das Gesundheitssys- tem sowie Zeit für die Ausbildung – einerseits, was die Digitalisierung der Spitäler angeht, andererseits auch, was die Übernahme der nicht-ärztlichen Tätig- keiten durch andere Mitarbeiter angeht, wie bei- spielsweise durch Dokumentationsassistenten. „Ohne mehr Personal wird es nicht gehen“, ist Mayer überzeugt und fährt fort: „Es gilt, die Ärztinnen und Ärzte dort, wo es möglich ist, zu entlasten. Außer- dem müssen die Ausbildung und der Arbeitsplatz Spital für die jungen Ärztinnen und Ärzte attraktiv sein, damit sie nach ihrem Medizinstudium auch im System ankommen. Dazu gehört neben flexiblen Ar- beitszeiten natürlich auch eine hohe Ausbildungs- qualität, denn diese ist ausschlaggebend dafür, ob Ärzte im Land bleiben oder sich lieber woanders umschauen.“ Zudem sollte man schauen, dass auch die erfahrenen Kollegen Rahmenbedingungen vor- fänden, damit sie ihre Erfahrung und ihr Wissen an die Jungen weitergeben können, etwa die Reduktion der Anzahl von Nachtdiensten ab einem gewissen Alter. Mayer thematisiert auch die Lücke, die sich aufgrund der späten Regelung aufgetan hat, denn die alte Regelung läuft mit Ende Juni aus, während die neue erst Anfang August schlagend wird. Es gibt also eine Lücke von einem Monat. „Der Gesetzgeber hat es verabsäumt, hier rechtzeitig eine Regelung zu treffen. Ab Anfang Juli gelten somit 48 Stunden im Schnitt. Wohlmöglich rückwirkend dann doch wieder nicht. Dieses Chaos wäre nicht notwendig gewe- sen!“, so Mayer abschließend.


bw