GENDERMEDIZIN | Wechselbeschwerden

Frau im Wechsel

Effektivität und Risiko verschie- dener Therapien

Foto: istockphoto/ Baki BG

„Es ist schlimm – Du kommst ans Ende deiner reproduk- tiven Phase und gehst in Flammen auf“, so beschreibt die US-Komödiantin Wanda Sykes ihre Wechselbe- schwerden. Wanda Sykes hatte Brustkrebs und kann deshalb keine Hormone zur Linderung der Beschwerden einnehmen.

Eine Hormonersatztherapie (HRT) scheint derzeit immer noch das wirksamste Mittel gegen die meisten Wechselbeschwerden zu sein, steht aber im Ruf das Risiko für gynäkologische Tumore zu erhöhen. Welche Risken mit der Einnahme einer HRT für be- stimmte Patientinnengruppen verbunden sind und ob es sinnvolle Alternativen gibt, war das Thema einer neuen Leitlinie der der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zu Diagnostik und Interventionen in der Peri- und Postmenopause.


Die Auswirkungen eines neuen Lebensabschnitts

Der natürliche Rückgang und Schwankungen des Östrogenspiegels mit Beginn der Menopause führen zu Beschwerden, die sich auf den gesamten Körper auswirken. Sie beginnen im Durchschnitt um das 45. Lebensjahr, wobei es große individuelle Un- terschiede gibt. Die Zeit zwischen dem ersten Rückgang der Sexualhormone und der definitiven Menopause wird als menopau- saler Übergang oder Perimenopause bezeichnet und ist jene Zeit, in der bei fast jeder Frau Beschwerden auftreten. Rund 80 Prozent aller Frauen leiden unter vasomotorischen Beschwerden (Hitzewallungen) und Stimmungsschwankungen, weiters kön- nen vaginale Trockenheit, urogenitale Atrophien, rezidivierende Harnwegsinfekte, sexuelle Probleme, depressive Verstimmung, innere Unruhe, Ängste, Schlafstörungen und allgemeine körperliche Beschwerden wie Gelenks- und Muskelbeschwerden sowie

Herzbeschwerden auftreten. Die Intensität und Häufigkeit der Symptome sind individuell unter- schiedlich. Sie hängen von allgemeinen Verände- rungen und Belastungen zusammen, die sich in dieser Lebensphase ereignen, sowie psychosozia- len und kulturellen Faktoren und der persönlichen Haltung zur Menopause. Etwa 20 Prozent aller Frauen nehmen wegen Wechselbeschwerden me- dizinische Hilfe in Anspruch.


Hilfe bei Wechselbeschwerden?

Die Möglichkeiten, Wechselbeschwerden zu be- handeln, sind sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von Lebensstiländerungen über Akupunktur bis hin zur Hormonersatztherapie (HRT). Für eine möglichst verträgliche und effektive Therapie müs- sen die Intensität der Symptomatik, die Wünsche und Erwartungen der Patientin an die Therapie, das Alter und das zu erwartende Risiko für Kompli- kationen berücksichtigt werden. Verschiedene Prä-

parate und Applikationsformen haben unterschiedliche Effekte und Nebenwirkungen und das Risiko für Komplikationen ist meist abhängig von der Behandlungsdauer. Eine Orientierungshilfe eine möglichst optimale individuelle Therapie geben Leitlinien wie die der AWMF, die 2018 veröffentlicht wurden und unter www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-062l_S3_KF_Peri-Postmeno- pause-Diagnostik-Intervention_2018-11.pdf abgerufen werden können.


Nutzen und Risiko der häufigsten Therapien

Unter den alternativen Therapieformen zu HRT, bei denen sich zumindest eine gewisse Wirkung im Vergleich zu Placebo feststel- len ließ, sind Cimicifuga, Tibolon, Akupunktur, Johanniskraut, Isoflavone (Phytoöstrogenen), Psychopharmaka und die kognitive Verhaltenstherapie, siehe Nutzen-Risiko-Tabelle 1. Das wirksamste Mittel zur Verminderung von Wechselbeschwerden dürfte im- mer noch die Hormonersatztherapie (HRT) sein. Besonders bei der HRT gibt es bestimmte Patientinnengruppen, die besonders profitieren und solche die eine HRT nicht oder nur unter speziellen Voraussetzungen erhalten sollten.


Therapie von Wechselbeschwerden und Brustkrebsrisiko

Für Frauen mit einem normalen Brustkrebsrisiko kommt es durch eine Therapie mit Östrogen-Gestagen-Präparaten nach einer Mindestanwendungszeit von zwei bis fünf Jahren zu einer Erhöhung des Brustkrebsrisikos um rund 26 Prozent, dieses Risiko nor- malisiert sich nach Absetzen der Therapie allerdings wieder. Reine Östrogenpräparate dürften auch nach einer Langzeitanwen- dung zu keiner Erhöhung, eventuell sogar zu einer Erniedrigung des Brustkrebsrisikos führen.

Für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind oder erkrankt waren, kommt eine Behandlung mit Östrogenen, Gestagenen, Tibolon oder Phytoöstrogenen nicht in Frage. Frauen mit einem erhöhten Risiko für familiären Brustkrebs sollten darüber informiert wer- den, dass eine längere Anwendung von Östrogen-Gestagen-Präparaten zu einer Erhöhung des Brustkrebsrisikos führt. Die Indi- kation für eine HRT sollte daher unter Berücksichtigung der Schwere der Symptome evaluiert werden. Das erhöhte Karzinomrisiko könnte durch eine Reduktion der Dosis, der möglichen Umstellung auf ein reines Östrogenpräparat sowie einem späteren Beginn der HRT ab 50 Jahren vermindert werden.


Erhöht eine Hormonersatztherapie das Thromboembolie-, Schlaganfall-, und kardiovaskuläre Risiko?

Das Thromboembolierisiko steigt unter einer oralen HRT um fast das Doppelte (90 Prozent für tiefe Beinvenenthrombosen bei Ös- trogen-Gestagen-Therapie und 48 Prozent bei reinen Östrogenpräparaten), wobei das Risiko bei einer transdermalen Hormonthe- rapie niedriger sein dürfte.

Auch die Gefahr auf einen zerebralen Insult scheint unter einer oralen HRT sowohl bei Östrogenpräparaten als auch bei Östro- gen-Gestagen-Kombinationen um rund 35 Prozent anzusteigen. Entscheidet man sich für eine transdermale Applikation, scheint es zu keiner Erhöhung des Risikos auf einen Insult zu kommen. Die Häufigkeit kardiovaskulärer Erkrankungen ist unter einer Ös- trogen-Gestagen-Therapie nicht oder nur geringfügig erhöht, unter einer reinen Östrogen-Therapie wahrscheinlich sogar vermindert.


Hormonersatztherapie und das Risiko für Osteoporose, Demenz und Depressionen

Eine HRT führt zu einer signifikanten Reduktion Osteoporose-assoziierter Frakturen, wobei der Effekt bereits bei einer kurzen Ein- nahmedauer (unter einem Jahr) erkennbar ist. Derzeit ist es unklar ob eine HRT vor dem 65. Lebensjahr das Demenzrisiko beein- flusst. Für die Empfehlung einer HRT oder Psychotherapie zur Behandlung perimenopausaler Depressionen liegt derzeit keine Evidenz vor, sie kann aber in Erwägung gezogen werden, wenn die depressiven Episoden in zeitlichem Zusammenhang mit der Menopause stehen.  Generell sollte eine perimenopausale Depression nach den allgemeinen Richtlinien behandelt werden.



ja