FORTBILDUNG & KLINIK I Verband der leitenden Krankenhausärzte Österreichs

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Karrierechancen für leitende Ärztinnen

Als Ärztin Karriere zu machen, erfordert über wei- te Strecken dieselben Bedingungen, wie sie für Männer gelten. In mancher Hinsicht tun Frauen je- doch gut daran, ihre Strategien zu überdenken.

Darüber weiß Univ-Prof. Dr. Christine Radtke, MBA, FEBOPRAS, Leiterin der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie an der Medizinischen Universität Wien, bestens Bescheid. Die engagierte Chirurgin hat in einem für Frauen „untypischen“ Fach Karriere gemacht und ist sich bewusst, dass der eingeschlagene Weg ein guter, aber noch langer sein wird, bis Frauen in derselben Karriereposition sind wie Männer.


Karrierefokus im Lauf der Zeit

„Ich weiß nicht, ob sich die Karrierewege an sich von Frauen und Männern so sehr unterscheiden“, sagt Radtke. „Karrieren werden von Frauen aber oft weniger aktiv angestrebt. Männer hingegen arbeiten fokussiert darauf hin.“ Radtke würde Frauen dennoch nicht als weniger zielorientiert bezeichnen, es gebe mittlerweile viele Frauen, die die Karriereleiter sehr engagiert nach oben klettern. Männer scheinen jedoch oft von vornherein Karrierepläne zu verfolgen, während Frauen das meist bis zum Abschluss des Studiums nicht im Fokus haben. „Der Wunsch, Karriere zu machen, entwickelt sich bei Frauen sehr oft erst im Lauf der Zeit“, fasst Radtke zusammen.

In den vergangenen Jahren hat sich diesbezüglich allerdings einiges verändert, die Wege gleichen sich sukzessive an. „Es gibt mittlerweile mehr erfolgreiche Medizinerinnen und Mediziner, die als Vorbilder fungieren. Sie machen Jüngeren Mut, motivieren den Nachwuchs und zeigen, wie Kar- rieren funktionieren können. Weibliche Arztkarrieren werden zunehmend sichtbarer“, freut sich die Chirurgin. Mentoren haben mehr Gewicht und gerade an der MedUni Wien sorgen inzwischen etablierte Programme für einen nachhaltigeren Effekt.


Netzwerke und Kommunikation

Die Anforderungen, die Ärztinnen und Ärzte in leitenden Positionen erfüllen müssen, sind freilich dieselben. Frauen sollten jedoch dafür sorgen, noch sichtbarer zu werden. „Männer agieren selbst- bewusster als Frauen, die oft deutlich zurückhaltender bleiben – das sollte sich jedoch ändern, wenn eine Karriere im Krankenhaus im Fokus steht“, so Radtke. Entscheidend sind dabei natürlich nicht nur die fachlichen Kompetenzen, für die zwischen Männern und Frauen kein Unterschied be- steht, sondern auch die viel zitierten Soft Skills. Radtke hat dazu einen wertvollen Tipp parat: „Ich halte es für eine zentrale Kompetenz, zuhören zu können, denn Führungspersonen müssen wissen, wo Notwendigkeiten bestehen, wo der Schuh drückt.“ Stimmungen aufzunehmen und interpretie- ren zu können, dazu die erforderliche Kommunikation – das sind wichtige Eigenschaften. „Networ- king ist ein elementarer Skill, den Männer meist besser beherrschen als Frauen. Speziell Abtei- lungsleiterinnen sollten ihre Kompetenzen diesbezüglich schulen.“

Networking in Kombination mit entsprechend direkter Kommunikation sieht die Chirurgin als Fokus, an dem Frauen noch arbeiten sollten. „Konkurrenzdenken ist absolut nicht wichtig, es geht viel- mehr um den Zusammenhalt – und dafür braucht es offene, direkte Kommunikation. Daraus entste- hen Netzwerke, die Bestand haben und echte Unterstützung bieten. Frauen brauchen oft viel län-

ger als Männer, um Hilfe oder Rat zu erfragen. Männer sind in ihrer Kommunikation deutlicher und fordernder“, ist Radtke überzeugt. Wichtig sei in jedem Fall, das Feedback von Kollegen immer zu reflektieren und die Kommunikationsstrategien daran anzupassen. „Selbstreflexion ist immens wichtig für Erfolg“, ergänzt die leitende Chirurgin.


Unterstützende Strukturen

Der Arbeitgeber Krankenhaus spielt selbstverständlich eine wesentliche Rolle, damit Karrieren möglich sind. „Ich empfinde mich selbst als verlängerten Arm des Rektorats und finde, dass der Rückhalt, den die Krankenhauslei- tung bieten muss, sehr zentral ist. Absolutes Vertrauen und Unterstützung, angepasst an die Situation, sind nö- tig, um weibliche Karrieren zu fördern“, so Radtke. Viel zu oft geschehe es nach wie vor, dass Frauen alleingelas-

sen werden. Darüber hinaus sind auch strukturelle Fragen wichtig. „Ein entsprechendes Arbeitszeitgesetz muss sicherstellen, dass Familienleben möglich ist, wenn beide Elternteile arbeiten, also ausreichend Plätze im Kinderhort, familienfreundliche Öffnungszeiten etc. Arbeitsmodelle müssen gestaltbar sein, denn Teilzeitarbeit schmälert die Chancen und erschwert die Teamintegration“, fordert Radtke. In einigen Fachbereichen sei die Arbeitszeit besser planbar als in anderen, etwa in Pathologie oder Labor. Dennoch müsse es möglich sein, in jedem Fach ein geeignetes Arbeits- modell zu finden.

Abschließend fasst Radtke zusammen, was es braucht, um weibliche Karrieren im Krankenhaus zu fördern: „Noch mehr Sichtbarkeit ist nötig, um zu zeigen, dass es geht. Ich möchte auch zeigen, dass es schön ist, nicht nur anzukämpfen, sondern miteinander mit anderen Führungskräften den eigenen Weg zu gehen. Führungspositionen geben uns die Möglichkeit, gestalterisch tätig zu sein, Dinge zu beeinflussen und zum Besseren zu ändern. Mit mehr Miteinander, mehr Networking und Mentoring gelingt es Frauen, im Krankenhaus Karriere zu machen. Durchhaltevermögen braucht es aber natürlich ebenfalls.“


bw