Fortbildung & Klinik I Verband der leitenden Krankenhausärzte Österreich 

Frauen in Führungspositionen

Ist die Luft für Frauen in den Führungsetagen von Spitälern zu dünn? Oder werden nur

nicht existente Probleme herbeigeredet? Nicht leugnen lässt sich, dass der Frauenanteil

in der Medizin hoch, aber im Management gering ist – wenn auch nicht überall.

Deutlich mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden in Österreich sind Frauen. Unter den Primaren sind jedoch nur rund 12 % weiblich und le- diglich jede vierte Professur an den medizinischen Unis ist weiblich besetzt. In der Allgemeinmedizin überwiegt hingegen längst der Frauenan- teil. Die Medizin wird immer weiblicher – dennoch spiegeln die Führungsetagen in heimischen Spitälern diesen Trend nicht wider. Auch wenn traditionelle Rollenbilder mehr und mehr verschwimmen, so dürften Frauen dennoch mehr Hürden zu bewältigen haben als Männer auf ihrem Weg nach oben.


Zwei weibliche Top-Karrieren

Dr. Anna Rab kann auf spannende Stationen einer Medizinerinnenkarriere verweisen: Ausbildung zur medizinisch-technischen Analytikerin am AKH Wien, Medizinstudium in Wien, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Facharztausbildung für Innere Medizin am AKH Wien, Additivfächer Kardiologie und Intensivmedizin, schließlich Oberärztin und nunmehr kardiologische Leiterin des Herzkatheterla- bors im LKH Villach. Daneben hatten noch Lehrtätigkeit, wissenschaftliche Arbeit, ein ebenfalls er- folgreicher Ehemann und zwei Kinder Platz in Rabs Leben. Die Ausbildung zur Kardiologin war als Jungmutter am Wiener AKH nicht möglich, daher wechselte Rab für eineinhalb Jahre nach Bad Neustadt (D) in ein Herzzentrum. Heute ist die Kardiologin genau dort, wo sie sein möchte: „Ich habe viele Freiheiten und kann mich voll und ganz meinem Job widmen. Möglich war meine Karriere wohl nur, weil ich eine extreme Kämpfernatur bin, viel Zeit in meine Ausbildung investiert habe, die Hilfe eines Kindermädchens in Anspruch nahm – und auf eine Habilitation letztlich zugunsten meiner Familie verzichtet habe.“ Ihr Engagement im VLKÖ ist unter anderem dem Bestreben geschuldet, sich besonders für Genderunterschiede in der Medizin einzusetzen.

Auch Univ.-Prof. Dr. Christine Radtke, MBA, FEBOPRAS, Leiterin der Abteilung für Plastische, Re- konstruktive und Ästhetische Chirurgie am AKH Wien, hat ihre heutige Top-Position zielsicher ange- steuert: Medizinstudium in Hannover und Yale, USA, Facharztausbildung für Plastische Chirurgie, Spezialisierung auf Handchirurgie, intensive Forschungstätigkeit in Europa und den USA und heute

eine leitende Position an der Universitätsklinik für Chirurgie sowie eine Praxis für Schönheits- und Handchirurgie. Auch Radtke sagt, sie sei heu- te genau dort, wo sie sein möchte.


Eine Frage der Institution

Rab kennt verschiedene Einrichtungen etwa im Wiener Gesundheitsverbund oder in Kärntner Spitälern und weiß die vielen verschiedenen Job- modelle, die zur Wahl stehen, zu schätzen. Je größer der Krankenanstaltenbetreiber, desto vielfältiger seien auch die Möglichkeiten, wenn auch die Extreme mehr und mehr verschwimmen. „Nachholbedarf gibt es aber sehr wohl fast überall“, so Rab. „Frauen brauchen individualisierte Rahmenbedingungen, mehr Rücksicht auf die Kinderbetreuung. Das ist nicht überall und oft nicht ausreichend gegeben. Gerade in absoluten Top-Positionen haben die wenigen Frauen daher oft keine Kinder oder ihre Männer bleiben zu Hause.“ Zudem würden sich in großen Häusern weniger Frauen Führungspositionen zutrauen als in kleineren. Dabei ist jedoch auch das Fach entscheidend: „Chirurgie bleibt ein besonders herausfordernder Sonderfall“, sind sich die beiden Frauen einig. „Andere Fächer sind planbarer und besser überschaubar“, ergänzt Radtke.

Insbesondere in Universitätskliniken stellt das Dreigespann aus Lehre, Forschung und klinischer Versorgung eine große Her- ausforderung dar. „In Leitungsfunktionen kommen dazu noch administrative Tätig- keiten, das Akquirieren von Drittmitteln, strategische Planungen oder auch ein we- nig Politik. In kleineren Schwerpunktkran- kenhäusern gibt es wenig Forschung, aber dafür fokussierte Facharbeit, die weniger breit gefächert ist“, sagt Radtke. Junge Ärztinnen sollten sich daher gut überlegen, was ihnen wichtig ist und ihre Karriereent-

scheidungen entsprechend ihren Stärken und Präferenzen fällen.


Dennoch Nachholbedarf

Eine weibliche Karriere ist in kleineren Häusern mitunter leichter möglich, doch auch in großen Klini- ken nimmt die Zahl der Frauen in Führungspositionen langsam zu. „Ich sehe aber durchaus, dass man in hohen Positionen immer wieder Attacken ausgesetzt ist“, räumt Radtke ein. „Männer sind die besseren Netzwerker, während Frauen hier noch viel aufzuholen haben. Wir müssten mehr zusam- menhalten und uns gegenseitig besser unterstützen.“ Frauen in leitenden Positionen seien oft Ein- zelkämpfer und erforderliche Eigenschaften würden Männern oft positiver ausgelegt als Frauen. „Wenn ein Mann seine Ansichten ‚bestimmt‘ durchsetzt, tut das die Frau ‚stur‘ – in diesen Grundein- stellungen besteht noch eine Menge Nachholbedarf“, ist Radtke überzeugt.

Auch Rab ist überzeugt, dass es auf beiden Seiten Nachholbedarf gibt. „Ich würde mir wünschen, dass Frauen kompetitiver denken und sich mehr zutrauen. Von Frauenquoten halte ich wenig, aber Fairness wäre wichtig. Die oder der am besten geeignet ist, soll auch tatsächlich reüssieren können – unabhängig vom Geschlecht“, so Rab.


Was braucht es für die Zukunft?

Die Chancen stehen gut, dass das Geschlecht immer weniger Relevanz hat. Aber: „Die jungen Kol- legen haben eine andere Einstellung zu Beruf und Karriere – viele achten sehr auf ihre Work-Life-Ba- lance“, so Rab. „Im Idealfall erkennen Vorgesetzte die Präferenzen und Talente und können entspre- chend Spitalskarrieren fördern oder eher zum niedergelassenen Bereich raten. Einen Leistungsun- terschied zwischen Männern und Frauen sehe ich allerdings nicht. Es sind vielmehr die Rahmenbe- dingungen, die nach wie vor Karrieren für Frauen erschweren.“ In dasselbe Horn stößt auch Radtke: Auch wenn es keine Unterschiede im Leistungsniveau gebe, so bekommen immer noch die Frauen Kinder und damit seien die Karrierechancen nicht die gleichen.

Seitens der Krankenhausführung würde sich Radtke klarere Spielregeln für das Miteinander und individuelle Lösungen für passende Rahmen- bedingungen wünschen. Häufig gebe es zum Beispiel Kinderbetreuungsangebote, aber schlichtweg zu wenige davon. „Grabenkämpfe sollten verhindert werden. Ich finde Fairness essenziell. Charakterliche und moralische Mankos sind immer enttäuschend – gerade in der Medizin. Zu einem besseren Klima kann jeder beitragen“, so Radtke abschließend.


bw

FotoS: Jürgen Müller – querflug, navigamus, istockphoto