MEDIZIN I Diabetes

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Risiko erkennen,

gegensteuern, schulen

Die einzig wirksame Prävention und gleichzeitig Therapie von Diabetes ist es, die Betroffenen im symptomfreien In- tervall des Prädiabetes zu identifizieren und durch eine effektive Intervention den Ausbruch der Krankheit zu ver- hindern oder diesen möglichst langfristig zu verzögern.

Weltweit leiden derzeit circa 415 Millionen Menschen an einem Diabetes mellitus, ge- schätzt bis zu 809.000 Menschen in Österreich.1 Davon sind 85 bis 90 % an einem Dia- betes mellitus Typ II erkrankt.2 In den letzten Jahren hat die Anzahl der Erkrankten stark zugenommen und auch in der Zukunft wird mit einem weiteren deutlichen Anstieg ge- rechnet. In Österreich sind derzeit geschätzt 6 % der Bevölkerung Diabetiker mit Diabe- tes mellitus Typ II. Die Dunkelziffer der unerkannten Diabetiker wird in Österreich auf rund 147.000 bis 294.000 geschätzt. Dies würde nochmals circa 2 bis 4 % der Bevölkerung bedeuten.1

Internationale Untersuchungen zeigten, dass bis zu 50 % der Diabetes-mellitus-Typ-II- Erkrankungen über Jahre unentdeckt blieben und erst im Rahmen von Routineuntersu- chungen auffielen. Eine frühe Diagnose – und am besten eine Diagnose bereits im Vor- stadium der Erkrankung (=Prädiabetes) – ist jedoch wesentlich für die Vermeidung von Folgeschäden. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent- wicklung (OECD)3 zeigte, dass Österreich im internationalen Vergleich von mehr als 30 OECD-Staaten sowohl im Jahr 2010 als auch im Jahr 2015 die dritthöchste Rate bei der Spitalsaufnahme von Menschen mit Diabetes aufwies.

Hohe Amputationsraten sind zum Beispiel Folgen der generellen Gefäßveränderungen im Mikro- und Makrobereich. 34.000 Öster- reicher erleiden pro Jahr einen Herzinfarkt, jeder vierte davon ist Diabetiker.1 Da bei Menschen mit Diabetes aber auch eine gerin- gere Nervenleitfähigkeit besteht, fehlen oft die typischen Warnzeichen und notfallmedizinische Maßnahmen werden verspätet ein- gesetzt. Aber die Durchblutungsstörungen können sich auch in anderen Organen manifestieren. Rund 26 % aller Diabetiker wer- den aufgrund eines Nierenversagens dialysepflichtig, auch die Erblindungsgefahr ist deutlich erhöht. Die Betroffenen erleiden ge- häuft Schlaganfälle, leiden verstärkt an Depressionen, und auch die erektile Dysfunktion ist vermehrt dokumentiert.

Zwischen dem Stadium des Prädiabetes und dem Ausbruch der Erkrankung können Jahre liegen. Im Schnitt gehen – je nach Pu- blikation – 5 bis 20 % der Prädiabetiker jährlich in einen Diabetes über. Zum Zeitpunkt der Diagnose des Diabetes mellitus Typ II bestehen meist schon ein bis zwei Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus. In der Ambulanz des Gesundheits- und Vorsorge- zentrums liegt die Übergangsrate von Prädiabetes in den Diabetes mellitus Typ II bei 0,3 %. Zusätzlich konnten Bauchumfang, Cholesterinwerte, Fettleberwerte und auch die Zuckerwerte signifikant gesenkt werden.


Prädiabetesambulanz des Gesundheits- und Vorsorgezentrums

Zur Erkennung eines erhöhten Diabetesrisikos – oder auch der Erkrankung selbst im Vorstadium – ist die Vorsorgeuntersuchung ein ideales Instrument, da in den Laborparametern die Nüchternglucose gemessen wird. Der Früh- oder Prädiabetes ist definiert durch erhöhte Nüchternglucose- und Langzeitzuckerwerte (=HbA1c-Wert), welche jedoch noch nicht der Diagnose eines Diabe- tes mellitus entsprechen, sowie einem positiven Zuckerbelastungstest (=OGTT).

Das Gesundheits- und Vorsorgezentrum der KFA betreut mit seinem interdisziplinären Team jährlich circa 10.000 Gesundenunter- suchungen. Hierbei wird auf hohe fachliche Qualität, Patientenfreundlichkeit, kurze Wartezeiten bis zu höchstens zehn Minuten so- wie genügend Zeit für die Anliegen der Patienten größten Wert gelegt. Daher wird bereits bei dem ausführlichen Arztgespräch zu Beginn der Gesundenuntersuchung auf die Erkennung von Risikofaktoren (genetische Vorbelastung, Lifestyle, Körperfettdaten, Abklärung Fettleber et cetera) großen Wert gelegt. Zeigt sich in Folge in der Labordiagnostik ein erhöhter Nüchternglucosewert zwischen 100 bis 125 mg/dl – oder es bestehen andere Risikofaktoren –, wird die Bestimmung des Langzeitzuckerwertes (= HbA1c-Wert) veranlasst.  Dieser misst den Blutzuckerwert im Durchschnitt über die letzten Wochen. Liegt der HbA1c-Wert zwi- schen 5,7 und 6,4 %, so befindet sich der Patient im Vorstadium des Diabetes mellitus II. Um die Diagnose zu verifizieren, wird in weiterer Folge ein oraler Zuckerbelastungstest veranlasst. Wenn der Nüchternglucosewert neuerlich zwischen 99 mg/dl und 125 mg/dl liegt und/oder der 2-Stundenwert im OGTT über 140mg/dl liegt, jedoch unter 200 mg/dl (= pathologischen Glucosetoleranz) ist der Prädiabetes bestätigt und der Patient wird in die Prädiabetesambulanz eingeschleust. Bei einem 2-Stunden Wert über

199 mg/dl liegt die Diagnose eines Diabetes mellitus vor. In diesem Fall kann eine weitere Betreuung über die Diabetesambulanz der Internen Abteilung des Sanatorium Hera stattfinden.Im Gesundheits- und Vorsorgezentrum der KFA werden seit 2009 Vorsor- geuntersuchungen durchgeführt, im Oktober 2015 wurde – im Zuge einer behördlichen Leistungserweiterung des nichtbettenfüh- renden Ambulatoriums – die Prädiabetesambulanz ins Leben gerufen, um hier einen niederschwelligen Zugang zu Diagnostik und zu therapeutischen Maßnahmen zu schaffen. Leider kommt es noch immer häufig vor, dass gering erhöhte Blutzuckerwerte baga- tellisiert werden und somit frühzeitige Maßnahmen, die die Entwicklung eines Diabetes mellitus verzögern oder verhindern, nicht erfolgen.

Im Rahmen der Prädiabetesambulanz wird wichtiges medizinisches Wissen über Prädiabetes und Diabetes mellitus sowie Kompli- kationen und Risiken vermittelt, um die Gesundheitskompetenz der Patienten zu steigern. Durch Schulungen bekommen sie Ein- blick in die pathophysiologischen Vorgänge bei der vorliegenden Stoffwechselstörung. Auf dieses Verständnis bauen weitere inter- disziplinäre Schulungen mit den Thematiken Ernährung und Sport auf. Ziel der Sport- und Ernährungsschulungen ist es nicht nur, ein entsprechendes Verständnis der Patienten zu erreichen, sondern vor allem mit entsprechenden Tipps und Tricks die Lebens- stilmodifikationen in den Alltag einzubauen und nachhaltig umsetzen zu können. Hier steht im Vordergrund, dass gangbare Lösun- gen und Wege aufgezeigt werden, die die Umsetzung vereinfachen. Ein psychologischer Schulungsteil ergänzt das Angebot, um die Verhaltensänderungen mit positiver Motivation unterstützen zu können. Je nach Bedarf können im Rahmen der halbjährlichen Kontrollen Auffrischungsschulungen erfolgen, um das bereits Gelernte wieder in Erinnerung zu rufen, neue Motivation zu erhalten und eventuelle Unsicherheiten zu beseitigen.

Einen hoffnungsvollen und neuartigen Ansatz bietet seit 2019 das „Neue Wege“-Konzept der Prädiabetesambulanz. Dies ist eine psychologische Maßnahme, die auf eine Einstellungs- und Verhaltensänderung abzielt. Die Grundstruktur des Konzepts wurde aus der langjährigen Erfahrung und Weiterentwicklung eines erfolgreichen Raucherentwöhnungsprogramms des Gesundheits- und Vorsorgezentrums der KFA erarbeitet. Es spricht jene Teile des Gehirns an, die nicht nur für das „Erlernen“ bestimmter Verhal- tensweisen stehen, sondern auch für das „Verlernen“ bestimmter Verhaltensweisen.

Im Vordergrund steht ein wertfreies Wahrnehmen und Dokumentieren des aktuellen Lebensstils und das Unterscheidenlernen zwi- schen der Befriedigung von körperlichen und seelischen Bedürfnissen. Die Arbeit an der eigenen Motivation sowie an einem at- traktiven, selbst definierten Ziel bilden den Einstieg in die Selbstbeobachtung, Selbsterfahrung und in spielerisches Experimentie- ren mit neuen Verhaltensweisen und das Erlernen von Selbstwirksamkeit.


1) Schmutterer I., Delcour J., Griebler R. (Hrsg.). Österreichischer Diabetesbericht 2017. Wien:    Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, 2017.

2) Face Diabetes, Eine Initiative der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, www.facediabetes.at/

zahlen-und-fakten.html, Zugriff am 13.2.2020

3) OECD Health Statistics 2017