MEDIZIN | Neurodermitis

Praxishilfe bei Neurodermitis

Rund 20 % aller Kinder im ersten Lebensjahr sind von Neurodermitis betroffen.

Erstmals in Österreich hat ein Team von Experten aus den Bereichen Pädiatrie und Dermatologie aktuell ein Expertenstatement zu Neurodermitis verfasst.

Foto: istockphoto/ leadenpork, Ernst Kainerstorfer

Eine rasche Diagnose, die umfangreiche Aufklärung der Patienten beziehungsweise ihrer Eltern und eine adäquate Wahl der Behandlung sind die Voraussetzungen für die optimale Versorgung der Patienten. „Um das Bewusstsein für Neurodermitis bei Ärzten zu schärfen, haben Pädiater und Dermatologen erstmals in Österreich ein Expertenpapier zu Neurodermitis erstellt“, freut sich Univ. Prof. Dr. Klemens Rappersberger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV). Das Expertenstatement soll bestehende Leitlinien nicht ersetzen. „Die Broschüre ist vielmehr eine praktische Grundlage, damit sich Ärzte auf den neuesten Stand bringen und ihr Wissen auffrischen können. Aber auch Eltern und Betroffene finden im Expertenstatement gesicherte Informationen.

„Insgesamt haben zehn Experten aus Österreich aus den Gebieten Dermatologie und Pädiatrie daran mitgearbeitet und den State-of-the-Art der aktuellen Therapie und Diagnostik zusammengefasst. So können Ärzte auch die Fragen von Betroffenen bestmöglich beantworten“, beschreibt Univ. Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer, Leiterin der Arbeitsgruppe Pädiatrische Dermatologie der ÖGDV die Entstehung. Und auch eine zeitnahe Ak- tualisierung ist bereits jetzt geplant, wie Volc-Platzer erklärt: „Unser Statement gilt jetzt für das Jahr 2020 und bildet den Status quo ab. Aber es wird sicher notwendig sein, die Inhalte in Abständen von zwei bis drei Jahren zu aktualisieren.“


Diagnose im Kindesalter schwierig

Das Expertenstatement Neurodermitis gibt einen Überblick über die Erkrankung selbst: von der Definition, der Entstehung über das klinische Er- scheinungsbild, die diagnostischen Möglichkeiten bis hin zu den verfügbaren Therapien. Das Expertenstatement klärt auch über den wandelnden Charakter der Erkrankung auf: So kann die Neurodermitis ihr Erscheinungsbild in Abhängigkeit vom Alter verändern, was die Diagnose besonders im frühen Kindesalter schwierig gestalten kann. Tritt die Neurodermitis erstmals im Erwachsenenalter auf, kann sie leicht mit anderen Hauterkran- kungen oder Reaktionen verwechselt werden.

Das Spektrum der Behandlungsoptionen bei Neurodermitis erweitert sich stetig; auch künftig wird die Entwicklung und Zulassung neuer Behand- lungsformen erwartet. „Schon aus diesem Grund ist es wichtig, alle Ärzte, die Patienten mit Neurodermitis behandeln, auf dem aktuellen Stand des Wissens zu halten“, so Rappersberger. So weiß man heute viel besser darüber Bescheid, wie bekannte und bewährte Produkte verwendet werden sollen. Topische Kortisonpräparate sind nach wie vor der Goldstandard in der Therapie; das Expertenstatement enthält auch Tipps, wie Calcineu- rin-Inhibitoren und Antihistaminika optimal eingesetzt werden können.


Neue Erkenntnisse und Therapien

Eine neue Therapieoption steht für Patienten mit schwerer Neurodermitis zur Verfügung. „Es gibt ein Biologikum, das einen Botenstoff der Entzün- dung hemmt und wir sehen hier über weite Strecken ein sehr gutes Ansprechen“, berichtet Rappersberger. Zudem zeigen klinische Studien mit einer neuen Substanz aus der Gruppe der „JAK-Inhibitoren“ gute Ergebnisse. „Wir erleben also 25 Jahre nach Entwicklung der Calcineurin-Inhibi- toren wieder ganz neue Therapien und therapeutische Entwicklungen.“

Neue Erkenntnisse wurden auch auf dem Gebiet der Krankheitsentstehung gewonnen. So wurden etwa einige genetische Hintergründe für die Symptome der Neurodermitis aufgeklärt: Einerseits liegen sie in der Haut, denn die Abdichtung der Haut nach außen und daher auch nach innen ist bei Neurodermitis-Patienten nicht in dem Maße gegeben wie bei Gesunden. Bestimmte Faktoren wie Erreger oder Allergene führen leichter zu Entzündungen. Diese Hautentzündung wird bei Neurodermitis-Patienten auch noch durch bestimmte körpereigene Botenstoffe wie zum Beispiel durch pro-inflammatorische Zytokine befeuert.


Chronisch phasenhafter Verlauf

Der chronisch phasenhafte Verlauf der Neurodermitis stellt eine besondere Herausforderung dar. Phasen mit starker Entzündung und Juckreiz wechseln – oft auch spontan – mit Phasen der leichten oder deutlichen Besserung, in denen manche Betroffene hauptsächlich an trockener Haut leiden. Deshalb ist auch eine genaue Aufklärung der Patienten über die Wichtigkeit des Selbstmanagements der Erkrankung notwendig. „Das Wichtigste bei der Behandlung der Neurodermitis ist die Basistherapie. Mindestens einmal am Tag sollte der ganze Körper mit einer rückfettenden Pflegecreme eingecremt werden. Damit soll verhindert werden, dass es zu den typischen Symptomen der Neurodermitis wie Kratzen, blutigen Hautveränderungen und Ekzemen kommt“, betont Volc-Platzer.


Strukturierte Schulungsprogramme

Neben der konsequenten Basispflege konnte in mehreren Studien auch der positive Effekt von strukturierten Schulungsprogrammen nachgewiesen werden. „Die Neurodermitis-Schulung dient dem Patientenempowerment“, so Volc-Platzer. Die Patienten erfahren dabei Details über die Krank- heit, aber auch, welche Möglichkeiten es gibt, damit umzugehen und die Erkrankung zu behan- deln. Die Neurodermitis-Schulungen werden von interdisziplinären Teams bestehend aus Hautärz- ten, Kinderärzten, Psychologen sowie Ernährungsexperten jeweils für bestimmte Altersgruppen durchgeführt. So werden etwa zusammen mit Psychologen Strategien entwickelt, wie man mit den nächtlichen Schlafstörungen umgeht, die durch den Juckreiz verursacht werden. In den von Haut- und Kinderärzten begleiteten Modulen gibt es detaillierte Informationen über Pflegeprodukte und Medikamente sowie deren richtigen Einsatz.


Neurodermitis und Allergie

„Bei allen atopischen Erkrankungen spielen Allergien eine wesentliche Rolle. Nahrungsmittelallergi- en können bei einer kindlichen Neurodermitis sogar eine Hauptrolle als Trigger von Entzündungs- schüben spielen“, erklärt Dr. Christine Bangert, Oberärztin an der Universitätsklinik für Dermatolo- gie der Medizinischen Universität Wien. Bei Kindern müssen vor allem Nahrungsmittelallergien ab- geklärt werden, denn sie betreffen rund ein Viertel aller Kinder mit Neurodermitis. Bei Erwachsenen spielen inhalative Allergene wie Birkenpollen oder Hausstaubmilben eine größere Rolle. „Eine ge- nerelle Neurodermitis-Diät gibt es allerdings nicht“, betont Bangert. Liegt allerdings eine Allergie vor, empfiehlt es sich, das Nahrungsmittel zu meiden.

Ein zentrales Interesse der Forschung liegt auf dem Mikrobiom, denn bei einem starken Neuroder- mitis-Schub ändert sich die Zusammensetzung der Bakterien auf der Haut komplett und es kommt zu einer Überwucherung mit einem bestimmten Keim, dem Staphylococcus aureus. „Vermutlich befeuert dieser Keim die Entzündung. Das Immunsystem wird noch einmal angeregt und das Haut- bild verschlechtert sich“, erklärt Bangert. Darüber hinaus ist Staphylococcus aureus für Hautinfek- tionen verantwortlich, eine der häufigsten Komplikationen der Neurodermitis.

Grundlage der Behandlung von Neurodermitis ist ein Stufenplan, der auch im Expertenstatement erklärt wird. Bei einer leichten Form der Er- krankung kann bei einem Schub das Eincremen mit einem Calcineurin-Inhibitor oder mit Kortison ausreichen. Wenn jedoch ein Betroffener im- mer wieder schwere Schübe das ganze Jahr hindurch hat, ist eine Systemtherapie erforderlich. „Die Patienten müssen dann regelmäßig Medi- kamente einnehmen. Meist handelt es sich dabei um Immunsuppressiva wie Cyclosporin oder Methotrexat, die in der Transplantationsmedizin eingesetzt werden. Im Expertenstatement werden auch zwei Kriterienkataloge vorgestellt, anhand derer über den Beginn einer Systemtherapie entschieden werden kann.


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