REHABILITATION | Burnout

Alles, nur nicht krank sein

Im Jahr 2011 wurde „Burnout“ zum Wort des Jahres ge- wählt – ein Attribut, das mehr als deutlich macht, wie weit verbreitet das Thema damals war und bis heute noch ist. In einer ambulanten Rehabilitation finden Betroffene jene Hilfe, die sie benötigen, in den Alltag zurückzufinden.

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Burnout kommt leise und langsam, aber es kündigt sich an und betrifft gerade jene, die vor Energie zu sprühen scheinen, eben brennen – sonst könnten sie nicht „aus“-brennen. Burnout steht am Ende einer Phase der Überbeanspruchung und bezeichnet einen Zustand totaler emotionaler Erschöpfung mit eingeschränkter bis fehlender Leistungsfähigkeit sowie den Verlust der Rege- nerationsfähigkeit. Die unspezifische Stresserkrankung entsteht meist schleichend über einen längeren Zeitraum hinweg und führt am Ende zu einem massiven psychischen und physischen Erschöpfungszustand, der sich in einer Reihe gesundheitlicher Proble- me manifestieren kann.


Symptome erkennen

Während die ersten Zeichen von Überlastung oft als Schwäche oder Peinlichkeit betrachtet werden, machen sich langsam nie- dergeschlagene Stimmung, Ängste, ein Gefühl der Leere, starke Frustration, Gereiztheit, verminderte Konzentrationsfähigkeit, Nervosität oder Anspannung bemerkbar. Dazu kommen häufig Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen, Ohrengeräusche, Verdau- ungsprobleme, Schwindel, Herzklopfen oder -rasen, Bluthochdruck, Libidoverlust und Impotenz. Viele Betroffene reagieren mit sozialem Rückzug, kapseln sich ab, schlafen schlecht, werden depressiv, sind suchtgefährdet oder sogar selbstmordgefährdet. Burnout geht eben nicht „einfach vorbei“.


Nachgefragt bei …

Prim. Dr. Agnes Pohlhammer, Ärztliche und Kaufmännische Leiterin der Ambulanten Psychosozialen Rehabilitation (APR) Salzburg.


?Welches Angebot bietet APR?

Ein qualitativ hochwertiges und nachhaltig ausgerichtetes Therapiekonzept ermöglicht Wiedereingliederung sowie nachhaltige Veränderungen in den verschiedenen Lebensbereichen. Dazu gehören zum Beispiel der Abbau von Ängsten, die Förderung der Entspannungs- und Regenerationsfähigkeit, die Eröffnung neuer Lebensperspektiven, die Verbesserung der Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz. Zielsetzung der psychiatrischen Rehabilitation ist die Schaffung bestmöglicher physischer, psychischer und sozialer Bedingungen, damit Patienten aus eigener Kraft ihren gewohnten Platz in der Gesellschaft bewahren oder wieder einneh- men und durch verbesserte Lebensgewohnheiten das Fortschreiten der Erkrankung begrenzen oder umkehren können. Wir unter- stützen die Patienten im Wiedererlangen ihrer Selbstständigkeit, damit sie ihre Rolle in Familie, Beruf und Gesellschaft wieder ak- tiv einnehmen können. In Bezug auf die berufliche Wiedereingliederung und Behandlung beruflichen Überlastungserlebens bie- ten wir eine spezielle berufsbezogene Psychotherapie an, die unsere Patienten bei der Klärung von Zielkonflikten, unklarer berufli-

cher Orientierung und resignativer Motivationslage unterstützen soll.


?Gibt es bestimmte Voraussetzungen für eine Behandlung in der APR?

Auf jeden Fall müssen die Betroffenen die Bereitschaft und Fähigkeit mitbringen, an Grup- pentherapien teilzunehmen. Ausreichende psychische Stabilität und Motivation für den reha- bilitativen Prozess sollten vorliegen. Begleitet werden die Gruppen durch ein multidiszi- plinäres Team, bestehend aus Fachärzten für Psychiatrie, Psychotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeitern, Diätologen, Physio- und Ergotherapeuten. Gemeinsam werden Rehabilitation- sziele und ein passendes, individuelles Behandlungsangebot erstellt.


?Burnout-Symptome scheinen zugenommen zu haben. Wie ist Ihr Eindruck?

Burnout ist eine Begrifflichkeit, mit der sich viele Betroffene identifizieren können. Es spiegelt im Sinne eines subjektiven Störungs- modells das Erleben der Betroffenen wider und ist ein nicht stigmatisierendes Krankheitsmodell, das gleichermaßen die Sympto- matik und Ursache erklärt. Menschen haben sich überaus engagiert, bemüht und verausgabt, ihr Aufwand wurde aber nicht ent- sprechend honoriert. Anders als bei psychischen Erkrankungen, die immer noch ein Tabuthema sind, hat Burnout fast einen „gu- ten Ruf“. Immerhin beinhaltet es die Tatsache, dass man leidenschaftlich für seinen Job oder seine Familie gebrannt hat, also eine weitreichend positiv besetzte Ursache. Die Abgrenzung des Burnout-Phänomens gegenüber anderen psychischen Erkrankungen wie beispielsweise depressiven oder psychosomatischen Störungsbildern kann schwierig sein. Bis zu 130 Einzelsymptome wer- den im Rahmen des Burnouts beschrieben, eine regelhafte Burnout-Entwicklung lässt sich nicht wirklich erfassen. Trotzdem er- leichtert dieses Konzept psychisch belasteten Menschen ihren Zustand zu reflektieren und sich Hilfe zu suchen.


?Wie sieht das Therapiekonzept im Detail aus?

Reha Phase 2 umfasst ein 6-wöchiges Programm mit 142 Therapieeinheiten. Das Therapieangebot erfolgt täglich, das heißt, Mon- tag bis Donnertag in der Zeit zwischen 08:00 bis maximal 17:00 Uhr, am Freitag bis 13:00 Uhr. Das Wochenende und die Feierta- ge sind therapiefrei. Dieses Programm mit einem multimodalen Therapieangebot an Einzel- und Gruppentherapien dient der Re- habilitation und (Wieder-)Eingliederung in die verschiedenen Lebensbereiche sowie der Wiederherstellung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit nach akuter psychiatrischer Erkrankung.

Reha Phase 3 umfasst ein 6- bis 12-monatiges Programm mit 100 Therapieeinheiten. Das Therapieprogramm findet in der Regel an einem fixen Tag in der Woche am späten Nachmittag statt. Es kann daher auch berufsbegleitend in Anspruch genommen wer- den. Angeboten werden eine wöchentliche Gruppentherapie, alle zwei Wochen eine Einzelpsychotherapie und alle drei Monate eine Facharztvisite. Dieses Programm dient zur weiteren Stabilisierung der in Phase 2 erreichten Effekte, der berufsbegleitenden Nachsorge und der langfristig positiven Veränderung des Lebensstils.


?Welche Vorteile hat die ambulante Rehabilitation?

Trotz der Notwendigkeit und dem Bedürfnis nach Unterstützung bei psychischen Erkrankungen können viele Menschen aus per- sönlichen oder organisatorischen Gründen keine stationäre Rehabilitation durchführen. In diesem Fall können Patienten die APR sechs Wochen lang mit ihrem ambulanten Angebot in Anspruch nehmen. Unsere Experten bieten ein breites Spektrum an Reha- bilitationsmaßnahmen und ermöglichen einen effizienten ambulanten Therapieablauf. Gegenüber dem stationären Aufenthalt, bie- tet die ambulante Rehabilitation eine bessere Integration des Erlernten in den Alltag der Patienten. Gerade beim Burnout kann dieses Setting von Vorteil sein. Wer nicht aus seinem bisherigen Umfeld aussteigt, sondern im Alltag bleibt, der muss sich direkt und sehr intensiv mit den Auslösern für ein Burnout auseinandersetzen. Die Probleme liegen rasch auf dem Tisch – egal, ob es an der Beziehung, am Arbeitsplatz oder am sozialen Umfeld liegt, man kann sich nicht aus der Situation rausnehmen. Das Gute da- bei: Die Hilfe ist vor Ort und täglich verfügbar. Das Behandlungsteam ist sehr intensiv in den Alltag des Patienten eingebunden, auch erleichtert die Wohnortnähe das Nahtstellenmanagement mit dem extramuralen Behandlungsteam sowie mit den zur Verfü- gung stehenden berufsrehabilitativen und psychosozialen Einrichtungen. Durch die tägliche Anreise entstehen alltagsnahe Übungsmöglichkeiten und eine stärkere Arbeitsorientierung.

Ein Aspekt bei der wohnortnahen ambulanten Rehabilitation ist auch die Arbeit mit Peergruppen. Die Betroffenen lernen Men- schen kennen, die ganz in ihrer Nähe wohnen oder arbeiten und wissen daher, dass sie mit ihrem Leiden nicht allein sind, eine Erkenntnis, die sehr entlastend sein kann. Zudem gibt es viele psychische Erkrankungen, bei denen es nicht günstig ist, die Ver- antwortung für den Alltag komplett abzugeben. Das kann in akuten Erkrankungsphasen notwendig sein, im subakuten Setting ist Kompetenzsteigerung, Tagesstruktur und die Erweiterung des Verhaltensrepertoires besonders wichtig.


?Sind Menschen weniger belastbar geworden oder haben die Belastungen zugenommen?

Burnout ist in der Tat in aller Munde, das liegt möglicherweise auch daran, dass Betroffene sich in einem auf operationalisierte Syn- dromkonstellationen reduzierten Diagnosesystem wie dem ICD-10, das ätiologische Aspekte ausklammert, nicht finden. Der Behandler möchte im Sinne der Reliabilität eine nachvollziehbare Diagnose stellen. Der Patient hingegen möchte verstehen, wo die Ursachen liegen, wie die Prognose und die Behandlungsoptionen sind und welcher Anteil veränderbar ist. Und hier setzt unsere therapeutische Arbeit an: Wir führen Patienten durch diese Veränderung. Ich denke auch, dass sich die Belastungen verändert haben. Die Globalisierung und scheinbare Grenzenlosigkeit können verunsichern. Es gibt nichts, was nicht noch besser gemacht werden könnte. Die Leistungsorien-

tiertheit der Gesellschaft hat aus meiner Sicht stark zugenommen. Nicht jeder kann gleich gut mit diesen veränderten Rahmenbe- dingungen umgehen und manch einer fühlt sich ohnmächtig, hilflos und überfordert.

Es ist sehr wichtig, dass hier auf jeden Fall medizinischer Expertenrat eingeholt wird, denn hinter den Symptomen, die rasch als „Burnout“ bezeichnet werden, kann sich eine schwerwiegende psychische Erkrankung verbergen. In den vergangenen Jahren haben sich sogenannte „Burnout-Behandlungen“ zu einem umsatzstarken Geschäftsbereich entwickelt. Viele der Burnout-Berater haben keine medizinisch-psychiatrische Ausbildung und es besteht die Gefahr, dass behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen nicht oder sehr spät erkannt werden.


?Ist Burnout eine ICD-10-Diagnose?

Im neuen internationalen Diagnose-Klassifikationssystem der WHO (ICD-11), das voraussichtlich am 1.1.2022 in Kraft tritt, wird Burnout als Syndrom aufgrund von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird, angeführt werden.

Wie bisher wird man das Burnoutsyndrom unter den unspezifischen Zusatzkodierungen finden und nicht als eigenständige Erkrankung, allerdings mit einer de- taillierteren Definition als bisher. Das Syndrom wird durch drei Dimensionen beschrieben: ein Gefühl von Erschöpfung, eine zunehmende geistige Distanz oder negative Haltung zum eigenen Job und ein ver- ringertes berufliches Leistungsvermögen.


?Ist Prävention möglich und wenn ja, wie?

Hilfreich ist die richtige Kraft- und Ressourcenein- teilung, ein erfüllender Beruf, ein gutes Maß an Selb- steinschätzung sowie eine gesunde Lebensführung in Bezug auf Schlaf, Ernährung oder Bewegung, ausre- ichend Entspannung, soziale Kontakte, Familie, Fre-

unde und Hobbys. Vielfältige Unterstützung ist möglich, wenn es um die Verbesserung der persönlichen Voraussetzungen, das Training fachlicher Fertigkeiten und systematischer Problemlösungskompetenz geht.


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Literatur beim Verfasser