Fotos: Stefan Seelig, ZVG

DFP-FORTBILDUNG & KLINIK |  Sicherheit

Arbeiten in Sicherheit

Einer unabhängigen und zur Verschwiegenheit verpflichteten SafetyLine können sich alle Institutionen im Gesundheitswesen anschließen, um ihren Mitarbeitern eine gesicherte Beratungs- und Interventionsmöglichkeit zu bieten.

Aggressionen bis hin zu gewaltsamen Übergriffen kommen im Alltag von Mitarbeitern in allen Berufsgruppen des Gesundheits- wesens vor. „Ereignisse wie der Messerangriff im SMZ-Süd sind zweifelsohne ein Extrem-, aber leider kein Einzelfall“, erklärt Dr. Maria Kletecka-Pulker, stellvertretende Leiterin des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin und Geschäftsführerin der Öster- reichischen Plattform Patientensicherheit. Die Plattform arbeitet bereits seit vielen Jahren am Thema „Gewaltfreies Arbeiten im Gesundheitswesen“, denn Mitarbeitersicherheit schafft auch Patientensicherheit. „Aggressives Verhalten darf nicht als Berufsrisi- ko im Gesundheitswesen toleriert werden.“


Niederschwelliger Zugang

Dass sich alle Gesundheitseinrichtungen ernsthaft und verbindlich dem Thema Gewalt widmen müssen, zeigt der jüngste Vorfall sehr deutlich. „Wir wissen, dass Mitarbeiter von Missständen oder Gefahrenquellen im Gesundheits- und Pflegebereich wussten, bevor diese öffentlich bekannt wurden. Aus Angst vor Konsequenzen durch Vorgesetzte oder Kollegen hatte sich aber niemand getraut, etwas zu melden. Hier braucht es einen echten Kulturwandel im Umgang mit dem Thema“, betont Dr. Thomas Wochele- Thoma, ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Plattform Patientensicherheit.

Um hier Abhilfe zu schaffen hat die Plattform Patientensicherheit mit der SafetyLine eine niederschwellige Anlaufstelle imple- mentiert, bei der die meldenden Personen gegenüber dem Dienstgeber anonym bleiben können. Die SafetyLine ist eine unab- hängige und weisungsfreie Ombudsstelle für Mitarbeiter im Gesundheits- und Pflegebereich, insbesondere für jene, die vorhan- dene Meldesysteme der Dienstgeber nicht nutzen wollen oder können. Alle Mitarbeiter der SafetyLine unterliegen einer strengen Verschwiegenheitspflicht und haben die gesetzliche Möglichkeit, bei einem etwaigen gerichtlichen Verfahren ihre Aussage zu verweigern. „An der SafetyLine können sich alle Institutionen im Gesundheitswesen beteiligen, um eine gesicherte Beratungs- und Interventionsmöglichkeit zu bieten. Je nach Art und Inhalt der Meldung werden die Mitarbeiter der SafetyLine aktiv, bieten konkrete Hilfe an oder leiten bestimmte Informationen an das Qualitätsmanagement des Dienstgebers weiter, um mögliche strukturelle Änderungen zu bewirken. Durch die Wahrung der Anonymität sind für meldende Personen keinerlei dienstrechtliche Konsequenzen zu befürchten“, betont Kletecka-Pulker.


Strenge Strafen

Gewaltprävention umfasst viele Maßnahmen, wie die Risikoeinschätzung, die Installation von Notrufsystemen, die Videoüberwa- chung in Notfallabteilungen, die Einrichtung von Sicherheitsdiensten oder Meldesystemen. Aber auch die Schaffung einer geeig- neten Atmosphäre im Warteraum sowie die Aufarbeitung von Vorfällen tragen dazu bei, dass künftig derartige Situationen ver- mieden werden können. Entscheidend ist vor allem ein regelmäßiges Sicherheitsverhaltenstraining der Mitarbeiter, in dem ent- sprechende Deeskalationsmethoden, aber auch Selbstverteidigungstools geschult werden. „Wichtig für jede Institution ist, dass ihre Mitarbeiter entsprechend sensibilisiert werden, dass etwas passieren kann und wie im Ernstfall zu reagieren ist“, sagt Wo- chele-Thoma. Dafür hat die Plattform Patientensicherheit bereits im Vorjahr in einem übersichtlichen Informationsblatt einen Überblick über die wichtigsten Handlungsanleitungen für Mitarbeiter im Gesundheitswesen erstellt, das auf www.plattformpatien- tensicherheit.at zum Download zur Verfügung steht.

„Eine Verschärfung des Strafrechts ist dringend notwendig“, so lautet die Forderung von Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖAK). Derzeit sind im Strafgesetzbuch zum Beispiel bei tätlichen Angriffen auf Bus-Chauffeure oder Fahrscheinkontrolleure bei der Ausübung ihrer Dienste strengere Strafen vorgesehen. „Ein entsprechender Vorschlag der ÖÄK, diese Vorgehensweise auf Ärzte auszuweiten, liegt dem Parlament bereits vor“, sagt Szekeres. Schon im Juni hatte die ÖÄK angeregt, der zunehmenden Gewalt und Gewaltbereitschaft gegen im Gesundheits- und Sozialbereich tätige Personen ent- gegenzuwirken und sie einzudämmen. Sicherheitschecks wie bei Gericht sind in exponierten Bereichen oder bei einer Häufung von Vorfällen denkbar. „Wirksamste Maßnahme aber ist mehr Personal“, ist der Ärztekammer-Präsident überzeugt und ergänzt: „Man muss Geld in die Hand nehmen, sonst eskalieren Gewaltaktionen und Auseinandersetzungen und können irgendwann ein- mal Abteilungen nicht mehr besetzt werden, oder müssen geschlossen werden.“


Gewalt erreicht auch Ordinationen

„Auch in den niedergelassenen Arztpraxen haben Aggression und Gewaltbereit- schaft inzwischen ein völlig inakzeptables Ausmaß erreicht, das auf keinen Fall ein- fach hingenommen werden darf“, sagt Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte: „Hier sind dringend wirksame Gegenmaßnahmen auf breiter gesellschaftli- cher, politischer und rechtlicher Basis erforderlich.“

Um einen ersten Eindruck zu bekommen, habe man eine Online-Blitzumfrage unter niedergelassenen Allgemeinmedizinern mit Kassenvertrag in Wien durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Umfrage sind alarmierend: 57 Prozent der teilnehmenden Ärzte haben den Eindruck, dass Aggression und Gewalt gegen Ärzte insgesamt zu- nehmen. 80 Prozent wurden in den vergangenen 24 Monaten

verbal, zehn Prozent körperlich bedroht.rh