MEDIZIN | Haarausfall

Alopezia areata:

Wenn die Haare plötzlich weg sind

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Gesunde Haare sind für viele ein Ausdruck von Gesund- heit, Jugend und Vitalität – Haarverlust und kahle Stellen hingegen für den Verlust von Attraktivität und Lebensqualität.

Rund fünf Millionen Haare befinden sich am ganzen Körper, 90.000 bis 150.000 auf dem Kopf. Von diesen verliert man im Normalfall bis zu 100 pro Tag, sind es mehr liegt ein gesteigerter Haarausfall. Führt dieser zu kahlen Stellen, spricht man von einer Alopezie. Die häufigste Form einer Alopezie ist androgenetische Alopezie bei Männern und Frauen. An zweiter Stelle steht bereits die Alopezia areata, die bei rund 2 % der Bevölke- rung auftritt. Alopezia areata gehört zu den sogenannten nichtvernarbenden Alopezien, was bedeutet, dass die Haarfollikel erhalten bleiben und der Haarverlust oft reversibel ist.  Tinea capitis, die Anagenhaar-Syndrome, Alopecia triangularis oder der Haarverlust durch eine mechanische Beanspruchung sind Beispiele für eine nicht-vernarbende Alopezie. Bei den vernarbenden oder atrophisierenden Alopezien wie zum Beispiel bei einem kutanen Lupus erythematodes werden die Haarfollikel durch entzündliche oder maligne Prozesse irreversibel zerstört.


Die Neigung zur Alopezie ist genetisch bedingt

Alopezia areata ist eine Autoimmunerkrankung mit einer komplexen genetischen Pathogenese. Man konnte gleich mehrere Veränderungen an Genloci unterschiedlicher Chromosomen mit dem Auftreten der Erkrankung in Verbindung bringen. Diese genetischen Veränderungen führen zu einer Mediation des Immunsystems, es kommt unter anderem zu einer vermehrten Bildung von Gamma-Interferon und zytotoxischen T-Lymphozy- ten. Die Haarfollikel treten durch die Entzündungsreaktion von der Wachstumsphase in eine permanente Ruhephase ein. Die genetischen Verän- derungen wie sie bei Alopezia areata vorkommen, sind außerdem mit Autoimmunerkrankungen wie Psoriasis, Lichen planus, Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis oder Schilddrüsenerkrankungen assoziiert. Der klinische Verlauf einer Alopezia areata kann wie die zugrundeliegen- den genetischen Veränderungen sehr unterschiedlich sein. Der Haarausfall kann plötzlich oder allmählich auftreten. Kahle Stellen können kreis- rund und solitär, aber auch multipel, konfluierend oder bandförmig auftreten. Sie können sich auf den Oberkopf beschränken oder diffus auftreten. Ein totaler Haarausfall am ganzen Körper ist genauso möglich wie Sonderformen.


Die Prognose ist gut

In bis zu 50 % aller Fälle erholt sich das Haarwachstum innerhalb eines Jahres wieder, wobei viele Patienten wiederholte Episoden von Haarsaufall erleben, bevor sich das Haarwachstum endgültig stabilisiert. Nachdem eine Alopezie auch keinen besonderen Krankheitswert hat, wird vielen Pa- tienten zunächst geraten mit einer Therapie zuzuwarten. Je umschriebener der Haarausfall und je älter die Patienten, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Haare wieder nachwachsen. Nur in 15 % bleiben die kahlen Stellen bestehen oder es kommt zum dauerhaften kompletten Haaraus- fall. Manche Menschen können gut damit leben, andere fühlen sich aber durch Verlust der Haare in ihrer Körperwahrnehmung deutlich beeinträchtigt.


Notwendigkeit einer Therapie

Oft wird Patienten mitgeteilt, dass es keine effektive Therapie gegen Alopezie gibt. Die Datenlage ist tatsächlich limitiert, es gibt aber einige erfolg- versprechende Therapieansätze.  Einen guten Überblick über die mögliche Behandlungsformen in den verschiedenen Indikationen geben die re- zenten Leitlinien des Colleges of Family Physicians of Canada (www.cfp.ca/content/61/9/757.long) und ein systematischer Review im Nature Re- views Disease Primer (PMID: 28300084). Nachdem die Ausprägung einer Alopezie und der Leidensdruck der Patienten sehr unterschiedlich sind, steht am Beginn einer jeden Betreuung das ausführliche Gespräch. Patienten sollten über die Verlaufsformen Alopezie informiert sein, über die un- terschiedlichen und Therapieoptionen und Nebenwirkungen.  Unabhängig von einer Therapie besteht immer die Möglichkeit, kahle Stellen mit Pe- rücken und Haarteilen zu überdecken oder in anderer Form zu kaschieren. Der Kontakt zu anderen Betroffenen kann Patienten helfen, Selbstbe- wusstsein und ihr Selbstbild zu stärken. Gerade Kinder können durch den Haarverlust in ihrem Alltag einer besonderen Belastung ausgesetzt sein, eine Beratung durch den Kinderpsychologen oder Sozialarbeiter kann hier hilfreich sein.


Bei Patienten mit weniger als 50 % Haarverlust werden als etablierte Therapien topische Kortikosteroide, topisches Minoxidil 5 % oder intraläsiona- le Injektionen mit Triamcinolon empfohlen. Für Patienten mit einem Haarverlust von mehr als 50 % kann ein Therapieversuch mit oralen Kortikoste- roiden über acht Wochen kombiniert mit topischem Minoxidil 5 % unternommen werden. Einer der effektivsten Therapieansätze ist die Induktion einer allergischen Kontaktdermatitis durch die topische Applikation von Diphenylcyclopropenon (DPCP) oder Quadratsäure-Dibutylester. Die Er- folgsrate vor allem bei Kindern und Jugendlichen wird mit bis zu 60 % angegeben, wobei durch die Dermatitis aber auch Schäden an der Kopf-

haut auftreten können. Die Therapie sollte daher nur an spezialisierten Zentren durchgeführt wer- den. Auch eine Behandlung mit Anthralin kann über eine direkte Irritation der Kopfhaut zu einem verbesserten Haarwachstum führen. Die Anwendung ist deutlich einfacher als jene von DPCP und kann auch vom Patienten selbst durchgeführt werden. Weitere Therapieansätze wie Methotrexat, Sulfasalazine, und Cyclosporin können im Einzelfall wirksam sein, werden aber nicht generell emp- fohlen. Für die photodynamische Therapie sind nur wenige Studiendaten vorhanden, so dass sie derzeit nicht empfohlen wird.


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