FORTBILDUNG & KLINIK I Amtsarzt

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Kein Tag ist wie der andere

So beschreibt Dr. Rosemarie Gössler, Sprecherin der steirischen Amtsärzte und selbst Amtsärztin für den steirischen Bezirk Voitsberg ihre Aufgaben.

Menschen, die Kontakt zu infektiösen Patienten hatten, nachzuverfolgen, ist aufgrund der Pandemie in der Bevölkerung Teil des Alltags geworden. Amtsärzte hatten diese Aufgabe schon lange, bevor Covid-19 ausgebrochen ist. „Eine zentrale Aufgabe ist die Erfassung von meldepflichtigen und übertragbaren Krankheiten sowie das Management von Kontaktpersonen — also von Personen, die mit Erkrankten in Berührung gekommen sind, um die Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit zu verhindern. Dazu gehören zum Beispiel Masern oder virusbedingte Meningoencephalit- iden. Kontaktpersonen können betreuendes medizinisches Personal, Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen oder Mitreisende sein“, erklärt Gössler. Amtsärzte sind von ihrer Ausbildung her Allgemeinmediziner mit der Berechtigung, diesen Beruf selbstständig auszuführen. Sie stehen im Dienst der öffentlichen Gesundheit und erfüllen im Zuge des amtsärztlichen Dienstes daher hoheitliche Aufgaben im Auftrag von Arbeitgebern, Be- hörden, Gerichten sowie auf Anordnung öffentlich-rechtlicher Institutionen.

In erster Linie ist der Amtsarzt Sachverständiger für bestimmte Behördenangelegenheiten. „Zu unseren Aufgaben gehören zum Beispiel auch Füh- rerscheinuntersuchungen oder die Ausstellung von Zeugnissen zur Feststellung der gesundheitlichen Eignung für bestimmte Berufe“, sagt Göss- ler. Weiters fallen Gutachten im Rahmen des Behindertengesetzes, die Durchführung von kostenlosen Impfungen bis zum 15. Lebensjahr, HPV- Impfungen zum stark vergünstigten Preis von Euro 68,– für 12- bis 18-Jährige, Grippe- und FSME-Impfung für die gesamte Bevölkerung oder Pro- stituiertenuntersuchungen bis hin zu Haftuntersuchungen in das Tätigkeitsfeld der Amtsärzte.


Vielfältig und dennoch planbar

Wer Medizin studiert, möchte vermutlich in erster Linie kurativ tätig sein. Eine Aufgabe, die dem Amtsarzt aber in dieser Form nicht zufällt. Dennoch ist das vielfältige Aufgabengebiet wohl der Hauptgrund, warum sich Allgemeinmediziner nach der Ausbildung für diesen Karriereschritt entscheiden. „Ich war leidenschaftli- cher Notarzt am Hubschrauber. Die Spontaneität, rasche Entscheidungen und die Aufregung bei jedem Ein- satz haben mich fasziniert. Als ich dann Kinder bekommen habe, war klar, ich musste mir ein ruhigeres Ar- beitsumfeld suchen“, erinnert sich Gössler und erzählt weiter: „Ich wollte anfangs nur ein paar Jahre Amts- arzt bleiben, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Arbeit am Schreibtisch und der fehlende Kontakt zu den kranken Menschen für mich erfüllend wären.“ Doch schon nach kurzer Zeit hat die Medizinerin den Beruf für sich entdeckt und war erstaunt, welche Potenziale sich dem Amtsarzt bieten: „Das Arbeitsumfeld ist so spannend und herausfordernd, weil wir in viele unterschiedliche Materien eingebunden sind und ich auch nach vielen Jahren Berufstätigkeit immer noch Neues lernen kann. Das reicht von der Umweltmedizin bis hin zu suchtspezifischen Fragen.“ Bei all der Vielfalt kommt die Work-Life-Balance, die Ärzte im Spital oder in der Niederlassung häufig beklagen, nicht zu kurz: „Wir haben fixe Dienstzeiten, eine sichere Anstellung und keine Nachtdienste.“ Trotzdem schätzt es Gössler sehr, ihr eigner Chef zu sein: „Ich agiere sehr unabhängig, habe ein kleines Team und kann meine Mitarbeiter selbst ausbilden.“


Ist der Amtsarzt Mangelware?

Dass das Aufgabenfeld vornehmlich Ärzte mit Berufs- und auch Lebenserfahrung anspricht, liegt auf der Hand. „Amtsarzt wird man nicht gleich nach dem Studium“, beschreibt die Medizinerin die Anforderungen und ergänzt: „Wir sind bei unserer Arbeit an die Gesetze gebunden, müssen objektiv entscheiden und dürfen uns keinesfalls einschüchtern lassen. Es braucht schon eine gute Portion Durchsetzungsvermögen, vor allem wenn man mit Menschen aus ganz vielen sozialen Schichten zu tun hat.“ Dennoch scheint der Nachwuchs Mangelware zu sein. Doch wie groß der Mangel tatsächlich ist, lässt sich kaum beziffern, denn Amtsärzte unterliegen hinsichtlich ihrer amtsärztlichen Tätigkeit nicht den für andere Ärzte geltenden Eintragungs- und Meldepflichten. Daher liegen auch keine Daten aus der Ärzteliste vor, die Auskunft darüber geben würde, wie viele Amtsärzte aktiv sind und wie viele benötigt werden.


rh