REHABILITATION |  Innovation

foto:R. REICHHART

Bewegende Ergebnisse

Aufrecht gehen zu können, ist für die meisten Menschen selbstver- ständlich – nicht so für Menschen mit Lähmungen oder Gang- einschränkungen. Ein Exoskelett als „bionischer Anzug“ macht es für sie möglich, wieder die ersten Schritte zu gehen und im wahrsten Sinne des Wortes „bewegende Ergebnisse“ zu erleben.

Gregor Demblin zog sich bei einem Badeunfall 1995 eine Querschnitt- lähmung zu und versucht heute als Unternehmer die Gesellschaft barrie- refrei zu machen. Als tech2people-Gründer ist es ihm gelungen, mit der Unterstützung namhafter Sponsoren wie dem Bundesministerium für Di- gitalisierung und Wirtschaftsstandort, Saturn Österreich, der Kapsch AG oder den Österreichischen Lotterien ein Therapieprogramm mit einem Exoskelett zu starten. Dank seiner Initiative hatten im Herbst 2018 weite-

re 35 Menschen mit Beeinträchtigungen der Gehfähigkeit die Chance, ein Exoskelett zu testen. „Das Ergebnis war überwälti- gend“, freut sich Demblin und erklärt: „Das Exoskelett der US-Firma Ekso Bionics ist ein batteriebetriebener, über der Kleidung tragbarer bionischer Anzug. Die elektrischen Motoren bewegen die Beine und ergänzen oder ersetzen Muskelfunktionen.“ Seit Kurzem steht das Exoskelett im Ordinationszentrum der Privatklinik Döbling für ambulante Trainings mit Physiotherapeuten allen Menschen mit eingeschränkter Gehfähigkeit zur Verfügung.

Die Bewegung ist für den menschlichen Körper lebenswichtig, denn er ist dafür ausgelegt. Daher ist neben dem Muskel- schwund auch der Knochenabbau im Laufe der Zeit ein typisches Symptom bei Menschen mit Lähmung und beeinträchtigter Gehfähigkeit. Aber auch die Funktion der inneren Organe, etwa des Magens oder des Darms, leidet, sowie der Kreislauf. Die ambulante Therapie mit dem Exoskelett ist daher nicht nur ein psychisch „bewegendes“ Erlebnis – sie hält auch gesund.


Mensch und Maschine rücken zusammen

Dass es ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber oft ein sehr großer für die Betroffenen ist, wissen auch die Rehabilitationsex- perten in der AUVA. Das AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof zählt hier zu den Pionieren in Österreich, wenn es darum geht, Schwerverletzte auf dem Weg zurück in ein „normales“ Leben zu begleiten. Zwei Jahre ist es nun her, seit hier ein Exoske- lett „seinen Dienst aufnahm“ und mittlerweile haben knapp 50 Patienten mit dem Therapiegerät ihre persönlichen Rehabilitati- onsfortschritte erlebt.

Exoskelette sind im Tierreich nichts Neues: Sie schützen und stützen einen Organismus von außen und geben zum Beispiel In- sekten, Krebsen, Spinnen oder Tausendfüßern Halt und Form. Die Materialien sind aus Chitin, Silikat oder Kalziumverbindungen und damit härter und leistungsfähiger als ihr Kern und meist auch „wasserdicht“. Im Zuge der digitalen Transformation in vielen Sektoren und dem Zusammenrücken von Menschen und Maschinen hat das Exoskelett überall dort Eingang gefunden, wo es gilt, gemeinsam Aufgaben noch schneller zu lösen oder sich zu ergänzen, wo es Lücken gibt – zum Beispiel in Sachen Kraft und Geschwindigkeit. Einsatzmöglichkeiten beim Militär, in der Industrie oder in der Medizin sind mittlerweile erfolgreich erprobt.


Fremd gesteuert und doch selbstbestimmt

In der Medizin, genauer gesagt in der Rehabilitation, sorgt ein Exoskelett für viele Patienten nach einem langen Leidensweg oft erstmalig dafür, die eigene Umwelt wieder aus einer aufrechten Perspektive zu erleben. Fast wie zwei Synchronschwimmer be- wegen sich damit Marianne Worisch, Leiterin der Physiotherapie am Weißen Hof, und ihr Patient: „Zum Einsatz kommt das Exos- kelett überwiegend bei Patienten, die eine Restfunktion in den Beinen haben. Das Ziel ist dann, ein paar Schritte zu gehen oder auch mehrere Längen am Barren.“ Hilfsmittel ist ein Motor für Knie und Hüfte, der über die an den Beinen angelegten Manschet- ten die Gehbewegung simuliert. Zu Beginn der Therapie übernimmt ein Therapeut die manuelle Führung des Patienten und der andere überprüft laufend Einstellungen und gibt Feedback zu den Bewegungsabläufen an den Patienten zurück. Genau ge- nommen muss der Patient gar nichts dazu tun – außer sich auf das Gerät einlassen und da haben es technikaffine Patienten manchmal ein wenig leichter. Interesse und Ausdauer sind auf jeden Fall gefragt, denn die Therapie mit dem Exoskelett ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht: „Es ist körperlich, aber auch mental sehr fordernd“, gibt Worisch Einblick und ergänzt: „Es braucht großes Vertrauen zwischen Mensch und Maschine.“