MEDIZIN | Darmerkrankungen

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Durchfallerkrankungen vor- beugen

Durchfallerkrankungen sind meist harmlos und nach wenigen Tagen Schonung wieder vorbei. Besonders unangenehm ist es für Patien- ten jedoch, auf Reisen an Durchfällen zu erkranken.

Die größte Wahrscheinlichkeit, mit einer Durchfallerkrankung in Berüh- rung zu kommen, findet im Urlaub statt – ein Umstand, der es für die Be- troffenen besonders unangenehm macht. Zur Reisediarrhoe kommt es, sobald das Immunsystem mit Keimen in Kontakt kommt, die es bisher nicht „gekannt“ hatte. Der beste Weg, Reisedurchfall zu vermeiden, ist es, gerade in südlichen Ländern auf Speiseeis, Eiswürfel und ungewa- schenes Obst oder Salate sowie exotische Gewürze zu verzichten. Mit Prävention können sich Reisende einfach vor Durchfallerkrankungen schützen, doch oft wird darauf zu wenig Rücksicht genommen. Das

heißt, man sollte darauf achten, nur original verschlossene Getränke zu konsumieren, auf Leitungswasser verzichten und Le- bensmittel vor dem Verzehr entweder schälen oder kochen.

Wenn viele Menschen auf engem Raum aufeinandertreffen, wie zum Beispiel in Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen, kann es rasch zum Ausbruch einer Norovireninfektion kommen. Das oberste Gebot lautet: Händewaschen. Die Erkrankung beginnt zu- meist plötzlich mit heftigem Durchfall, Übelkeit und schwallartigem Erbrechen. Die Symptome klingen zwar nach zwei Tagen meist wieder ab, weil die Erreger rasch ausgeschieden werden, jedoch in dieser Zeit ist der Betroffene hochansteckend. Daher gilt es, hier besonders auf Hygiene zu achten: Saubere Hände, saubere Toiletten und häufiges Waschen der Bettwäsche schüt- zen in dieser Phase am besten vor Ansteckung. Es können nur die Beschwerden gelindert werden. Antibiotika sind gegen Noro- viren unwirksam. „Zu achten ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, wenn jedoch Fieber, Bauschmerzen oder Blut im Stuhl auftritt und der Durchfall länger als 48 Stunden nicht abklingt, dann sollte auf jeden Fall medizinische Hilfe in Anspruch genom- men werden,“ betont Assoz. Prof. Vanessa Stadlbauer- Köllner von der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatolo- gie der Medizinischen Universität Graz.


Ernährung und Medikamente verändern Darmmikrobiom

Grundsätzlich gibt es aktuell zwei Hauptgründe, wie es auf Reisen zu Durchfallerkrankungen kommen kann: Einerseits ist es die erwähnte Infektion mit pathogenen Erregern. Andererseits spielt das Darmmikrobiom eine große Rolle, das sehr rasch auf Er- nährungsumstellungen reagiert. „Schon innerhalb von ein bis drei Tagen kann sich die Zusammensetzung völlig umstrukturie- ren, wenn die gewohnte Ernährung verändert wird, was auf Reisen oft der Fall ist,“ erklärt die Expertin. Aktuelle Forschungen zeigen, dass sich auch die Einnahme von Medikamenten stärker auf das fragile Gleichgewicht des Darmmikrobioms auswirkt als angenommen. Umgekehrt beeinflussen auch die Mikroorganismen im Darm die Wirksamkeit von Medikamenten. In 5 bis 25 % kommt es während der Behandlung mit Antibiotika zum Auftreten von Durchfällen. Neue Untersuchungen zeigen, dass rund ein Viertel aller Arzneien Einfluss auf Wachstum und Funktion der Darmbakterien hat. „Medikamente zählen neben der Ernäh- rung zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf das Darmmikrobiom,“ so Stadlbauer-Köllner. Bei Antibiotika weiß man schon lange, dass sie die Artenvielfalt des Darmmikrobioms verringern. Aktuell werden zunehmend mehr Medikamente identifiziert, die das fein austarierte Gleichgewicht des Darmmikrobioms aus der Balance bringen. Protonenpumpeninhibitoren (PPI) scheinen bei langfristiger Verabreichung das Mikrobiom direkt und indirekt zu beeinflussen. „Die Einnahme von PPI führt zu einer Verminde- rung der Magensäure und damit zu einer verminderten Kolonisationsresistenz. Damit können zum Beispiel Keime, die normaler- weise nur im Mundbereich vorkommen, nun tief in den Darm eindringen und sich dort ausbreiten. Neben Antibiotika und PPI zählen auch Cholesterin- und Blutdrucksenker sowie Antidepressiva zu den das Mikrobiom am stärksten verändernden Sub- stanzen,“ erklärt Stadlbauer-Köllner.


Prophylaxe mit Probiotika

Die Prophylaxe der durch Antibiotika verursachten Durchfälle mittels Probiotika ist einigermaßen gut untersucht. Eine Metaanaly- se der renommierten Cochrane-Gruppe hat letztes Jahr gezeigt, dass Probiotika wirksam sind, um einer Infektion mit Clostridi- um difficile während der Antibiotikaeinnahme vorzubeugen. Man vermutet, dass Probiotika möglicherweise auch gegen schädi- gende Auswirkungen von PPI auf das Darmmikrobiom helfen.

Während der Einnahme von Antibiotika sollte auf hochkonzentrierte, wissenschaftlich geprüfte Probiotika aus der Apotheke zu- rückgriffen werden, da die Zufuhr über die Nahrung allein nicht mehr ausreicht. „Welches Probiotikum am besten wirkt, ist aller- dings noch unklar. Analysen zeigen, dass es sinnvoll ist, ein Präparat auszuwählen, das aus mehreren Stämmen mit einer hohen Keimzahl besteht. Wichtig ist auch, dass die Einnahme zwei bis drei Stunden zeitversetzt zur Antibiotikagabe erfolgt. Sonst hebt das Antibiotikum die Wirkung des Probiotikums auf, weil die probiotischen Keime so wie die Krankheitserreger abgetötet wer- den“, so Stadlbauer-Köllner.

Ein Probiotikum zur Prophylaxe von Antibiotika-assoziierten Durchfällen muss am besten ab dem Start der Therapie eingenom- men werden, aber auf jeden Fall innerhalb von zwei Tagen danach. Damit kann das Risiko für eine Infektion mit Clostridium diffi- cile um 60 % reduziert werden. Nach einer Antibiotikaeinnahme ist es zu spät, das hat eine aktuelle Arbeit aus Israel gezeigt: Wenn man erst danach eine Prophylaxe mit Probiotika beginnt, wird die Regeneration des Darmmikrobioms nicht beschleunigt, sondern möglicherweise sogar verzögert.


rh