MEDIZIN | Diabetes

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Diabetes in der Genderme- dizin

Frauen sind im Schnitt seltener von Diabetes betroffen, haben aber

im Fall einer Erkrankung mit mehr Komplikationen und einer

komplexeren Behandlung zu rechnen als Männer.

Von Diabetes sind Frauen und Männer ungefähr gleich häufig betroffen, Männer um eine Spur häufiger. Frauen haben durch das Hormon Östro- gen einen gewissen Schutz vor Typ-2-Diabetes, bei ihnen setzt Fett weni- ger am Bauch an, sie haben eine höhere Insulinempfindlichkeit und sie haben im Durchschnitt einen niedrigeren Nüchternblutzucker und HbA1c-Wert. Sie erkranken oft erst in späteren Lebensjahren, wenn in der Menopause der Östrogenspiegel sinkt.


Risikofaktor: Adipositas

In den Wechseljahren nimmt der Anteil an adipösen Frauen aufgrund der hormonellen Umstellung und durch Bewegungsman- gel stark zu. Damit steigt auch der Anteil der Frauen mit Typ-2-Diabetes. Allerdings wird auch bei jüngeren Frauen vor allem durch Bewegungsmangel, Rauchen und Stress sowie damit assoziiert ungesunder Ernährung und Gewichtszunahme ein An- stieg beobachtet.

Ein Bauchumfang von mehr als 88 cm gilt als erhöhtes Risiko. Betroffene Frauen sollten regelmäßig ihren Blutzucker, Blutfette und Blutdruck kontrollieren lassen und ihren Lebensstil anpassen. Bewegungsmangel ist bei Frauen ein höherer Risikofaktor als bei Männern. Dafür kann eine Lebensstiländerung mit sportlicher Betätigung bei Frauen besonders gut vor Herz-Kreislauf-Kom- plikationen schützen. Aber auch am Beginn der Geschlechtsreife gibt es einen Risikofaktor: Eine frühe Menarche bedeutet ein um 20 Prozent höheres Risiko für Typ-2-Diabetes.


Risikofaktor Schwangerschaftsdiabetes

Der größte Risikofaktor für Frauen an Typ-2-Diabetes zu erkranken ist der Schwangerschaftsdiabetes. 50 bis 70 Prozent der Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes erkranken in den folgenden 10 bis 15 Jahren daran. Bei Müttern mit Schwangerschafts- diabetes, die ein Mädchen geboren haben, ist dieses Risiko nochmals erhöht. Wobei aber das primäre Risiko, einen Schwan- gerschaftsdiabetes zu bekommen, höher ist, wenn Frauen mit einem Buben schwanger sind.

Besonders wichtig für die weitere Risikoabschätzung ist der orale Glukosetoleranztest (OGTT) sechs bis zehn Wochen nach der Geburt, der auch zur Neubeurteilung der Glukosetoleranz basierend auf Studien und internationalen Guidelines notwendig ist. Diese Nachbeobachtung ist im Mutter-Kind-Pass nicht geregelt. Bisher wird meist nur direkt nach der Geburt der Blutzucker kontrolliert, was auch bei unauffälligen Werten nicht bedeutet, dass die Mutter kein höheres Diabetesrisiko hat. Die Compliance der jungen Mütter zur weiteren OGTT-Nachkontrolle ist in Österreich derzeit mit ungefähr 30 Prozent sehr gering. Die meisten Mütter kommen erst wieder nach Jahren mit einem manifesten Diabetes oder Komplikationen zum Arzt. Eine gute Möglichkeit, um Mütter sechs bis zehn Wochen nach der Geburt zum Zuckerbelastungstest zu bringen, wäre eine Aufnahme dieser Untersu- chung in den Mutter-Kind-Pass nach Schwangerschaftsdiabetes. Mit der Untersuchung nach diesem Zeitraum, wenn sich erste Routinen eingestellt haben und die akuten Geburtsbelastungen weggefallen sind, lassen sich das Risiko für einen auf den Ge- stationsdiabetes folgenden Typ-2-Diabetes abschätzen und die daraus folgenden notwendigen Präventions- oder Interventions- maßnahmen gut ableiten.


Behandlungserfolge gering

Bei Männern mit Diabetes ist das Herzinfarktrisiko um das Zwei- bis Dreifache höher als bei gesunden, bei Frauen mit Diabetes aber sogar bis um das Vierfache. Frauen mit Diabetes haben gegenüber Männern mit Diabetes sogar ein um 30 Prozent erhöh- tes Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Gerade bei Frauen mit Diabetes sind vor der Menopause auch Herzerkrankungen ohne nachweisbaren Gefäßverschluss häufig, aufgrund von Durchblutungsstörungen der kleinsten Gefäße und Gefäßverkramp- fungen. Obwohl neue Untersuchungen zeigen, dass aufgrund der besseren Behandlung die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Er- krankungen bei Diabetes im letzten Jahrzehnt sogar stärker rückläufig war als bei Nicht-Diabetikern, versterben noch immer un- gefähr die Hälfte der Menschen mit Diabetes an Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche, Rhythmusstörungen oder anderen Gefäßkomplikationen.

Auffällig ist dabei, dass gerade Frauen und junge Menschen mit Diabetes weniger von den Fortschritten bei den Behandlungs- methoden profitiert haben. Insgesamt ist bei Frauen mit Diabetes das relative Risiko nach einem Herzinfarkt zu versterben auch höher als bei Männern mit Diabetes. Frauen mit Diabetes, die wegen einer Koronaren Herzkrankheit eine Stent-OP hatten, ha- ben ein um 40 Prozent höheres Risiko wieder ein koronares Ereignis zu erleiden. Männer haben „nur“ ein um 30 Prozent höheres Risiko. Das Risiko für Tod durch ein kardiovaskuläres Ereignis liegt bei Frauen mit Diabetes bei 30 Prozent, bei Männern mit Dia- betes bei 15 Prozent, wie eine aktuelle Studie unserer Abteilung in Kooperation mit dem Wilhelminenspital zeigte.


Stress und Diabetes-Distress

Psychosozialer Stress ist bei Frauen ein stärkerer Risikofaktor als bei Männern. Schlafmangel, Schichtarbeit, Doppelbelastung, niedriger Sozialstatus und schlechte Bildung sind Faktoren, die psychosozialen Stress und das Diabetesrisiko verstärken. Frau- en sind auch häufiger von psychischen Problemen einschließ- lich Essstörungen als Komplikation rund um Diabetes betroffen, wodurch das Risiko für weitere Komplikationen steigt, denn durch psychosozialen Stress liegen die Prioritäten anderswo, der Diabetes wird vernachlässigt und die Einstellung der Thera- pie wird schlechter und die Behandlung durch zunehmende In- sulinresistenz und vom Gehirn gesteuerte hormonelle Verände- rungen schwieriger. Depressionen liegen bei Diabetes bei Frau- en fast doppelt so häufig wie bei Männern vor, was die Prognose wiederum verschlechtert.

Diabetes ist zusätzlich eine Erkrankung mit relativ hohen organi- satorischen Anforderungen. Die Betroffenen müssen oft mehr- mals täglich Blutzucker messen, ihre Ernährung auf die Behand- lung abstimmen und ausreichend Bewegung in ihren Alltag ein- bauen. Das ständige „Einhalten müssen“ dieser Anforderungen kann selbst zu einer emotionalen Überlastung führen – dem so- genannten Diabetes-Distress. „Diabetes-Distress führt wieder zu schlechterer Fürsorge für den eigenen Diabetes und dadurch zu schlechterer Stoffwechselkontrolle. Die Folge sind Akutkomplika- tionen bis hin zu chronischen Folgen mit mehr Spätschäden. Zwischen 20 und 45 Prozent aller Menschen mit Diabetes sind von dieser Art von Stress betroffen, davon drei Viertel Frauen.

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