REHABILITATION | Orthopädie

Hüftgelenke nach Maß

Bei den künstlichen Hüftgelenken geht der Trend immer mehr in Richtung Personalisierung. Eine neue minimalinvasiv implantierbare Hüftgelenksprothese ist sowohl für sportliche jüngere als auch, bedingt durch die schonende Implantati- on, für sehr alte Patienten gut geeignet.

foto: istockphoto/ Spotmatik

Als einziger Orthopäde Europas hat Univ.-Prof. Dr. Reinhard Windhager, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie, eine neue, minimalinvasiv implantierbare Hüftgelenksprothese mitentwickelt. Das Wissenschaftlerteam be- stand neben Windhager noch aus drei Experten aus den USA und einem aus Japan. Nach einer sechsjährigen Entwicklungs- und Testphase wird die sogenannte Actis-Endoprothese, die gegenüber den Vorgänger-Produktgenerationen zahlreiche Vorteile aufweist, schrittweise in ganz Europa ausgerollt.


Leicht zu implantieren

Bei der Implantation erfolgt nur ein kleiner Schnitt, durch den die Endoprothese mit ihrem Schaft in den Röhrenknochen des Oberschenkels eingeführt und verankert wird. „Die Premiere an unserer Klinik verlief völlig problemlos, die Ergebnisse sind ex- zellent. Diese Endoprothese ist sowohl für jüngere sportliche Patienten geeignet als auch für ältere Menschen, bei denen eine minimalinvasive und deshalb wenig belastende Implantation besonders wichtig ist“, sagt Windhager und ergänzt: „Wir haben ein System geschaffen, bei dem die leichte Implantierbarkeit mit der notwendigen Gewährleistung der Langzeitfunktion mög- lichst ausbalanciert sein sollte. Eine Art ‚Kragen‘ an der Innenseite des Schaftes sorgt für möglichst perfekten Halt vom Zeit- punkt der Implantierung an. Die der Anatomie des Oberschenkelknochens besonders angepasste Form des Schaftes in drei ko- nischen Zonen ist ein weiteres Charakteristikum.“

Der Ersatz vor allem durch Arthrose schwer geschädigter oder durch Oberschenkelhalsfrakturen zerstörter Hüftgelenke hat in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Millionen Betroffenen wieder zu schmerzfreiem Gang oder überhaupt erst wieder zu Gehvermögen verholfen. Der Wiener Orthopäde Univ.-Prof. Dr. Karl Zweymüller steuerte dazu in den 1970er-Jahren eine Ent- wicklung bei, die sich seither weltweit durchgesetzt hat: die ohne „Zement“ mit einem Titanschaft im Oberschenkelknochen im- plantier- und verankerbare Endoprothese als Vorbild für die meisten bis heute verwendeten künstlichen Hüftgelenke.


Zwölf verschiedene Schaftlängen

„Wir konnten an unserer Klinik in einer Studie belegen, dass noch nach mehr als zwei Jahrzehnten 96 Prozent der zementlos im Oberschenkel verankerten Titanschäfte fix verankert und funktionstüchtig waren. Wir haben dieses schon sehr gute Produkt jetzt mit der Actis-Endoprothese weiterentwickelt und verbessert. Unsere Patienten werden immer älter. Je geringer die Belastung durch die Operation ist, desto besser. Deshalb geht man mehr und mehr dazu über, den Hüftgelenksersatz minimalinvasiv vor- zunehmen“, so Windhager.

Bei der Einführung und Verankerung der Endoprothese in den Röhrenknochen des Oberschenkels spielt die Länge des Schaf- tes eine entscheidende Rolle. Bei der „Zweymüller-Endoprothese“ war er noch mindestens 125 Millimeter bei kleinster Größe lang. Mittlerweile gibt es für die minimalinvasive Implantierung auch ultrakurze Endoprothesen. Doch bei diesen kann sich ein Problem mit der fixen Verankerung ergeben, sie können locker werden. Daher hat sich das Forscherteam entschlossen, ein völ- lig neues Produkt zu entwickeln. „Die Actis-Endoprothese wird in zwölf verschiedenen Schaftlängen von 97 bis 119 Millimeter hergestellt, dementsprechend ändern sich die übrigen Größenmaße des Schaftes. Wir wollten ein Produkt für möglichst viele Pa- tienten schaffen, auch bei der Implantation künstlicher Hüftgelenke geht der Trend immer mehr in Richtung Personalisierung“, gibt der Experte Einblick.

Der Titanschaft ist zum Teil mit porösem Material beschichtet, das die biologische Fixierung der Endoprothese erleichtert. Die Gelenksprothese muss einerseits sofort fix sein, andererseits soll die Verankerung durch das Einwandern von Zellen aus dem umgebenden Knochen dann endgültig für ein „Verwachsen“ von Schaft und Knochen sorgen. Das Material von Hüftgelenkskopf und Pfanne besteht heute durchwegs aus hochfestem, extrem abriebarmen Keramikmaterial.



rh