FORTBILDUNG & KLINIK | Gefäßmedizin

Nachwuchsmangel in der Gefäßmedizin

In den nächsten Jahren werden mehr als ein Drittel der Gefäßchirur- gen in Pension gehen. Ein spürbarer Nachwuchsmangel droht und gefährdet die Versorgung.

Nach Einschätzung von Prim. PD Dr. Afshin Assadian, Präsident der Ös- terreichischen Gesellschaft für Gefäßchirurgie (ÖGG) und Vorstand der Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals Wien, ist die gefäßmedizinische Versorgung auf dem aktuellen Niveau nicht sichergestellt. Daher hat die ÖGG eine klare nationale Ausbildungsinitiative gestartet, die Jungmedi- ziner im Land hält und eine hochkompetente Ausbildung in allen Berei- chen der Gefäßmedizin gewährleistet. Mit zunehmendem Wissensstand

und Innovationen bei operativen Hilfsmitteln wie zum Beispiel Stents, Prothesen und Stammzelltherapie nehmen auch die Anfor- derungen an Gefäßspezialisten zu. Es gilt, das komplette Spektrum der Gefäßmedizin sowohl theoretisch als auch praktisch den in Ausbildung befindlichen Ärzten zu vermitteln.


Überregionale Strukturen schaffen

„Unsere medizinische Versorgung ist sehr gut. Jedoch gibt es auch Schwachstellen. An vielen Abteilungen in der Gefäßchirur- gie gibt es gewachsene Strukturen, die nach fachlichen Schwerpunkten ausgerichtet sind. Nicht alles kann derzeit überall im High-End-Bereich gesehen und erlebt werden, wie es tatsächlich im Curriculum vorgesehen ist. Ein lebenswichtiges Beispiel ist die Dialysechirurgie, die es nicht an allen Abteilungen gibt“, erklärt Assadian. Ein weiteres Beispiel ist die komplexe offene und endovaskuläre Stentlegung, Aortenbehandlungen, die in der Qualität und Quantität in Österreich nur an der Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals Wien durchgeführt werden.

„Ziel der Österreichischen Fachgesellschaft für Gefäßchirurgie ist es daher, überregionale Ausbildungsstrukturen zu schaffen, die eine bestmögliche Kompetenzvermittlung sicherstellen. Deshalb wird es bereits in diesem Jahr von der ÖGG organisierte und finanzierte Kurse für Jungmediziner geben, die das gesamte Spektrum theoretisch und praktisch abdecken. Eine weitere in den nächsten zwei bis drei Jahren geplante Maßnahme wird die Rotation von gefäßchirurgischen Ärzten in verschiedenen Kran- kenhäusern sein, um eine komplette Ausbildung und Spezialisierung zu ermöglichen“, so Assadian. Jährlich sind zwei theoreti- sche und ein praktischer Workshop geplant, um so in einer Ausbildungszeit von sechs Jahren inhaltlich alles abzudecken. Die ersten Kurse finden bereits in diesem Jahr statt.


Umfangreiches Spektrum der Gefäßmedizin

Neben den traditionellen operativen Methoden, die weiterhin einen wichtigen Stellenwert in der Behandlung schwerster arteriel- ler Erkrankungen einnehmen, haben minimalinvasive Katheter-basierte Methoden zunehmend mehr Relevanz. „Die wirkliche Stärke ist die für Patienten individualisierte und somit optimierte Therapie, um das Beste aus beiden Welten anbieten zu kön- nen“, so Assadian. Immer öfter verstehen sich moderne Gefäßchirurgen auch als Berater von Patienten zur Vermeidung von schwerwiegenden Problemen von Gefäßerkrankungen im Sinne der Prävention. Neben der klassischen invasiven Behandlung sehen sich moderne Gefäßchirurgen auch als Ärzte, die Patienten früher beraten, um so das Auftreten erster Symptome und ein Fortschreiten der Atherosklerose vermeiden zu können. „Ziel muss es sein, Schlaganfälle zu vermeiden, Beine zu erhalten, Aneurysmen am Platzen zu hindern, chronische Wunden zu vermeiden oder schneller zum Abheilen zu bringen und die Le- bensqualität durch optimierte Mobilität bis ins hohe Alter zu verbessern. Mit anderen Worten: Ein Leben ohne Angst und mit der Sicherheit, jederzeit Hilfe zu finden“, so Assadian.


Jungmediziner für das Fach gewinnen

Aufgrund der zukünftigen Veränderung der Alterspyramide wird der Bedarf an kompetenten Fachärzten massiv ansteigen. Auch hat sich das Profil der Gefäßchirurgie in den letzten Jahren sehr verändert. Dadurch, dass sich die Gefäßchirurgie als Sonder- fach etablieren konnte, haben sich laut Assadian rein gefäßchirurgische Abteilungen herauskristallisiert, die von Diagnose über Therapie und Nachsorge, verschränkt mit den klinischen Partnern, die gesamte Patientenversorgung übernehmen können. Da- mit ergibt sich ein sehr abwechslungsreiches und buntes Tätigkeitsprofil für zukünftige Gefäßchirurgen.

Derzeit gibt es in Österreich 68 akkreditierte Ausbildungsstellen, die den Bedarf der nächsten Jahre nicht decken. Das Ziel muss es daher sein, so Assadian, diese 68 jungen Ärzte in einer bestmöglichen Qualität auszubilden, um einerseits kompetente und zufriedene Ärzte zu haben, andererseits, um neue Strukturen zu schaffen, die den Krankenhausbereich entlasten. Eine Lö- sung wäre für Assadian, niedergelassene gefäßmedizinische Zentren zu etablieren. „Konkret bedeutet dies, dass gefäßmedizini- sche Patienten, die idealerweise multidisziplinär behandelt werden – durch Nephrologen, Diabetologen, Kardiologen, Angiolo- gen, Orthopäden, Gefäßchirurgen –, in speziell ausgerichteten niedergelassenen multidisziplinären Zentren versorgt werden. So können einerseits Krankenhäuser und deren Ambulanzen entlastet, andererseits Patienten wiederum qualitativ exzellent und ökonomisch betreut werden“, so Assadian.


rh



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