MEDIZIN | Magen-Darm

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Durchfall und Blähungen:

Nicht immer harmlos

Wie für die Diagnostik aller Erkrankungen ist auch im Zusammen- hang mit Magen- und Darmbeschwerden eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte unbedingt erforderlich.

Die größte Wahrscheinlichkeit, mit einer Durchfallerkrankung in Berüh- rung zu kommen, findet im Urlaub statt. Zur Reisediarrhoe kommt es, so- bald das Immunsystem mit Keimen in Kontakt kommt, mit denen es bis- her nicht konfrontiert war. Daher gilt nach wie vor Vorsicht in südlichen Ländern mit Speiseeis, Eiswürfeln und ungewaschenem Obst oder Sala- ten. Auf Kreuzfahrtschiffen kann aufgrund der oft enormen Personenan- zahl auf engstem Raum sehr leicht eine Norovireninfektion auftreten. Der einzige Schutz vor Infektion besteht in einer sorgfältigen Händedesinfek- tion und Einhaltung der Hygienerichtlinien.


Reizdarm und Zöliakie

Die Diagnose des Reizdarms bedarf als reine Ausschlussdiagnose einer sorgfältigen Abklärung zahlreicher Differentialdiagno- sen. Chronisch entzündliche Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa müssen ausgeschlossen werden, bei Alarm- zeichen wie Blutungen, Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall, Müdigkeit und Gewichtsverlust muss eine bösartige Er- krankung ausgeschlossen werden. Zum Ausschluss einer Zöliakie (Getreideunverträglichkeit) wird eine Gastroskopie mit einer Dünndarmbiopsie durchgeführt. Der Pathologe findet dann unter dem Mikroskop eine Zottenatrophie der Schleimhaut – aber nur dann, wenn bis zur Untersuchung normale, weizenhaltige Nahrung zugeführt wird. Bei getreidefreier Ernährung verschwin- det diese Verkleinerung der Dünndarmzotten, in diesen Fällen muss ein Bluttest durchgeführt werden.


Therapieoptionen beim Reizdarm

Einen wesentlichen, durch Studien gesicherten Stellenwert hat die medizinische Hypnose und psychotherapeutische Behand- lung. Ein interessanter Ansatz besteht in der Low-FODMAPS-Diät. FODMAPS steht für fermentiere Oligo-, Di-, Monosacharide und Polyole. Die Fermentation von FODMAPS führt zur Bildung von Gasen. Beispiele für FODMAPS-reiche Lebensmittel sind Wassermelone, Milch, Käse, Pistazien oder Pilze. FODMAPS-arme Lebensmittel sind hingegen Reis, laktosefreie Milch, Oran- gen, Kiwi oder Bananen. Ein weiterer interessanter Ansatz besteht in der Gabe von Probiotika oder ganz neu in einer Kombinati- on von Kurkuma, Pfefferminze und Bifidobacterium infantis.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktose- oder Fruktose- und Sorbit-Unverträglichkeiten gehören mithilfe des H2-Atemtest begutachtet. Dabei wird eine fixe Menge der jeweiligen Zuckerlösung getrunken, anschließend in halbstündigen Abständen die Wasserstoffkonzentration in der Ausatemluft gemessen. Übersteigt diese Konzentration einen festgelegten Grenzwert, ist das der Beweis dafür, dass das jeweilige Enzym im Dünndarm fehlt, das eigentlich diese Zucker, und zwar ohne Produktion von Wasserstoff, abbaut.


Histamin-Unverträglichkeit

Histamin sammelt sich in allen nicht frischen Lebensmitteln an und kann bei Intoleranz nicht abgebaut werden. Beispiele für histaminhaltige Lebensmittel sind Parmesan, Bergkäse, Thunfisch in Dosen oder Rotwein. Die Histaminintoleranz wurde lange Zeit nicht ernst genommen. Heute muss vor einer Operation der Anästhesist darüber Bescheid wissen, da es Narkosemittel gibt, die dann nicht verwendet werden sollen. Histaminhaltige Nahrungsmittel sind Rot- und Dessertweine, Hartkäse, Fischkonserven, Walnüsse, Marzipan, Salami, Rohschinken, Sauerkraut, Spinat, Erdbeeren, Orangen, Grapefruit oder Paradeiser.

Ganz auf Alkohol muss nicht verzichtet werden, denn Schilchersekt enthält zum Beispiel kein Histamin. Meist sind es Frauen, die an der Histaminintoleranz leiden. Sie klagen über beträchtliche Bauchbeschwerden. Besserung bringt der Verzicht auf aus- lösende Lebensmittel, seit einiger Zeit gibt es auch ein Medikament dagegen.


Divertikulitis

Bei der Divertikelerkrankung bilden sich säckchenartige Ausstülpungen an der Außenseite des Dickdarms, die nicht von Darm- muskulatur überzogen sind. Landet nun Stuhl in solch einer Öffnung, bleibt er liegen, beginnt zu gären und führt zu entzündli- chen Veränderungen, der Divertikulitis. Dabei können zwei Komplikationen auftreten: Blutungen oder im schlimmsten Fall ein Darmdurchbruch, der operativ versorgt werden muss.

Begünstigend für das Auftreten dieser Divertikel sind Übergewicht, man- gelnde Bewegung, starkes Pressen am WC, sitzende Tätigkeit, Zeitungle- sen  auf der Toilette, ballastoffarme Ernährung und wenig Flüssigkeitszu- fuhr. Kommt es zu einer Entzündung der Divertikel, sollte beim Auftreten von Fieber und Unterbauchschmerzen links möglichst rasch ärztliche Hilfe gesucht werden, da mit einem darmspezifischen Antibiotikum das Auftreten von Komplikationen oft verhindert werden kann. In England läuft aktuell eine Studie, bei der Patienten für sechs Monate jeweils in einer Woche pro Monat ein Antibiotikum erhalten und sich zeigt, dass mit diesem Vorgehen Rezidive deutlich seltener auftreten.


Nosokomiale Infektionen

Nach den bahnbrechenden Erkenntnissen von Ignaz Semmelweis aus dem 19. Jahrhundert beschäftigen uns auch heute noch im Krankenhaus erwor- bene bakterielle Erkrankungen, die in Österreich nach Schätzung von Ex- perten bis zu 4.500 Todesfälle im Jahr verursachen. Gefürchtet sind bakte- rielle Infektionen im Krankenhaus nach manchmal schon einmaliger Gabe eines Antibiotikums mit Clostridium difficile. Die Sporen können fünf Monate auf Oberflächen vital bleiben und so zu Reinfektionen beim nächsten Pati- enten führen. Völlig rätselhaft war die Tatsache, dass in Spitälern nach Aus- bruch einer Clostridieninfektion plötzlich zum Beispiel auch zwei Stockwer- ke darüber Infektionen trotz Einhaltung der Hygienemaßnahmen auftraten. Eine aktuelle Studie aus 2018 zeigte, dass die Desinfektion in den ge- bräuchlichen im Spitalsbereich verwendeten Waschmaschinen die Keime nicht vollständig eliminieren kann.1) Einen kostengünstigen und sicheren Lösungsansatz zeigte eine Studie aus dem Landesklinikum Neunkirchen, die an 199 Patienten über sechs Monate durchgeführt wurde. Das Auftreten einer Clostridieninfektion konnte zu 95 % verhindert werden, wenn zum An- tibiotikum nach drei Stunden auch ein Probiotikum verabreicht wurde. Dies hat durchaus auch ökonomische Bedeutung. Die Therapiekosten in dieser Studie lagen für das Probiotikum bei 12,88 Euro, für das Antibiotikum bei bis zu 430,50 Euro.


Literatur:

1)Tarrant et al 2018 Von der Station in die Waschmaschine. Infect.Contr.Hosp.Epidemol.De- z39(12)1406-11

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