MEDIZIN | Haarausfall

fotoS: adobe stock/ Wayhome Studio, Christian Jungwirth

Wenn „Geheimratsecken“

zur Belastung werden

Haarausfall sowie schüttere, dünne Haare können für Männer und Frauen eine große psychische Belastung darstellen. Tipps für das Patientengespräch gibt Dr. Sabine Schwarz, Dermatologin und Grün- derin des Hautzentrums Wien, www.hautzentrum-wien.at.

?Welche Formen des Haarausfalls gibt es?

Haarausfall kann die gesamte Kopfhaut oder nur einzelne Areale betreffen. Die häufigsten Formen des Haar- ausfalls sind die androgenetische Alopezie, der hormonell-erblich bedingte Haarausfall, der kreisrunde Haar- ausfall (Alopecia areata) sowie der der diffuse Haarausfall (Alopecia diffusa). Sehr selten treten auch vernar- bende Haarausfälle auf.


?Was sind die häufigsten Ursachen für Haarverlust?

Das androgenetische Effluvium ist die häufigste Form von Haarverlust. Ungefähr 60 bis 70 % aller Haarausfäl- le sind dieser Kategorie zuzuordnen. Dabei können die Winkelbildung am Oberkopf sowie kahle Stellen am Hinterhaupt schon sehr früh auftreten, sogar in der Pubertät durch die hormonellen Veränderungen. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Umgekehrt ist das beim diffusen Haarausfall, von dem die ganze Kopfhaut betroffen ist, der eher beim weiblichen Geschlecht auftritt. Dabei handelt es sich nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern als Folge von bestehenden Erkrankungen oder gesundheitlicher Belastung, wie zum Beispiel Infektionskrankheiten, Stress oder Mangel an Vitaminen und Spurenelementen. Oft ist diffuser Haar- ausfall auch das Ergebnis von Diäten oder einer unausgewogenen Ernährung, bei der es zu einer Unterver- sorgung mit Eisen, Zink, B-Vitaminen, Folsäure, Omega-3-Fettsäuren sowie Vitamin A, C und E kommt. Auch zwei häufig verschriebene Medikamente stehen im Verdacht diffusen Haarausfall zu beschleunigen, das sind Lipidsenker und Betablocker.

Kreisrunder Haarausfall ist die die Folge einer Autoimmunreaktion, auch das lässt sich über einen umfassen- den Immunstatus gut nachweisen. Behandelt wird lokal mit Cortison. Kommt es zu Haarausfall auch im Au- gen- und Genitalbereich, dann überweisen wir die Patienten in Spezialambulanzen. Für manche Patienten scheint die regelmäßige Gabe von Cortison die einzig wirksame Therapie. Als Dauertherapie ist das aber ab- zulehnen, daher ist seit Kurzem in diesen Fällen auch die Gabe von Biologika in Diskussion.


?Wie wird diffuser Haarausfall diagnostiziert?

Umfassende Laborbefunde geben Aufschluss über die Ursache des Haarausfalls. Wir untersuchen den Hä- moglobinwert sowie den Ferritinwert bei Eisenmangel, den TSH-Wert bei Schilddrüsenerkrankungen, darüber hinaus auch Leber-, Nieren- und Entzündungswerte.


?Kann auch die falsche Pflege oder aggressives Styling zum Beispiel durch häufiges Färben der Grund sein?

Lange Zeit waren Experten der Meinung, dass oberflächliche Entzündungen der Kopfhaut und die Schädi- gungen der Haarwurzel nicht zusammenhängen. Mittlerweile wissen wir aber, dass massive und chronische Entzündungen der Kopfhaut auch Auswirkungen auf die Haarwurzel haben können und damit diffusen Haar- ausfall verursachen können. Ein Trauma an der Haarwurzel hinterlässt tatsächlich auch das Tragen straffer Fri- suren. Der permanente Zug und Dauerspannung auf die Kopfhaut verursachen dann Traktionsalopezie. Auch Juckreiz, Ekzeme, Schorf und kahle Stellen können die Folge sein.


?Die Ursachen und Behandlungen scheinen vielfältig. Wie häufig ist es der Fall, dass Patienten tat- sächlich zum Arzt gehen, weil sie Haare verlieren?

Für Nicht-Betroffene klingt das tatsächlich harmlos, aber Betroffene leiden massiv darunter. Wir haben jetzt ex- tra eine Haarsprechstunde eingeführt, denn die umfassende Beratung wird von der Kasse nicht übernommen. Dieses ausführliche Gespräch wird als Privatleistung angeboten. Das erfordert natürlich Zeit und Zuwendung und die Patienten sind wirklich dankbar dafür.


?Was muss der niedergelassene Allgemeinmediziner auf jeden Fall bei diesen Pateinten beachten?

Minoxidil wurde als orales Medikament zur Blutdrucksenkung entwickelt und trägt zur Erweiterung der Blutge- fäße bei. Als Nebeneffekt wurde die Stimulierung des Haarwachstums festgestellt. Es gibt dazu eine gute Da- tenlage und natürlich Fertigprodukte in der Apotheke. Gerade niedergelassenen Allgemeinmedizinern rate ich aber zu einer magistralen Rezeptur mit 3 % einmal täglich. Die Compliance ist wesentlich höher und auch die Patientenzufriedenheit steigt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die betroffenen Patienten einen sehr ho- hen Leidensdruck haben. Das führt dazu, dass sie sich sehr genau und umfassend informieren. Der Faktor Psyche und das hohe Vorwissen müssen im Gespräch unbedingt ernst genommen werden. Ich rate Kollegen zu zwei Maßnahmen, bei denen sich der Patient sofort ernst genommen fühlt: Ordnen Sie ein Blutbild an und greifen Sie zum Mikroskop. Schon der Blick auf Kopfhaut und Haar signalisiert dem Patienten, dass Sie auf sein Anliegen ernsthaft eingehen!


?Gibt es neue Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Stress und Haarausfall?

Prof. Dr. Eva Peters von der Abteilung für Psychoneuroimmunologie der Universitätsklinik Charité in Berlin hat auf der Jahrestagung der Europäischen Haarforschergesellschaft (EHRS) neue Einblicke in die biologischen Zusammenhänge von Stress und Haarausfall gewährt: Sie werden über Bahnen des Nervensystems übermit- telt. Jeder Haarfollikel ist von einem Nervenfasernetzwerk umgeben, das bei Stress höher wird. Findet diese Steigerung statt, während Haarfollikel von der Wachstumsphase in die Übergangsphase wechseln, so kommt es zu einer Aktivierung der Mastzellen. Dadurch werden im Bereich des Haarbalgs Entzündungen ausgelöst, der Zelltod im Gewebe führt zu Haarausfall.



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