Medizinische Trainingstherapie in der Rehabilitation

 

Der Schlüssel für eine nachhaltige Therapie liegt in einer präzisen Diagnose, einem individuell aufgebauten Therapieplan und einem aktiven medizinischen Training, das Stabilität nachhaltig verbessert und Rückfällen vorbeugt.

Welchen Stellenwert medizinische Trainingstherapie hat, welche Vorteile die hochspezialisierten Geräte bieten und wie ein Training abläuft, erklärt Univ.-Doz. Dr. Martin Nuhr, MSc., Leiter des NUHR Medical Centers in Senftenberg.

? Rückenschmerzen gelten als Volkskrankheit. Wie erleben Sie das in Ihrer täglichen Praxis?

Wir beobachten, dass die Zahl der Patienten, die aufgrund von
Schmerzen im Stütz- und Bewegungsapparat zu uns kommen, kontinuierlich steigt. Auffällig ist, dass das durchschnittliche Alter der Betroffenen immer weiter sinkt. Rückenschmerzen sind längst nicht mehr nur ein Problem der älteren Generation, sondern betreffen immer mehr jüngere Menschen. Die Gründe dafür sind vielfältig, im Kern aber häufig gut nachvollziehbar. Ein wesentlicher Faktor ist der Bewegungsmangel. Vor allem sitzende Berufe, einseitige Belastungen und monotone Arbeitspositionen führen dazu, dass Rücken- und Rumpfmuskulatur zu wenig gefordert werden. Auch die Ernährung spielt eine Rolle, denn Rückenschmerzen gehen nicht selten mit einem erhöhten Body-Mass-Index beziehungsweise Adipositas einher. Dazu kommt ein Aspekt, der oft unterschätzt wird: Das Körpergefühl und die Körperwahrnehmung nehmen tendenziell ab und das beginnt bereits bei Kindern und Jugendlichen.

? Warum ist gerade die Wirbelsäule ein zentrales Thema?

Rückenschmerzen zählen nach grippalen Infekten zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch. Unbehandelt können akute Beschwerden rasch chronisch werden. Oft verhindern Alltag, Beruf und lange Wartezeiten eine frühe Abklärung – viele versuchen es zunächst mit Selbstmedikation. Dabei wissen viele nicht, dass es neben Medikamenten weitere wirksame Therapieoptionen gibt. Entscheidend ist, die Ursache zu klären, um eine langfristig wirksame und nachhaltige Behandlung zu ermöglichen.

? Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Hebel, um nachhaltig zu wirken und nicht nur kurzfristig Schmerzen zu lindern?

Wir dürfen Rückenschmerzen nicht nur symptomorientiert behandeln, sondern müssen die jeweiligen Phasen – akut, subakut oder chronisch – unterscheiden und die Therapie entsprechend gezielt aufbauen. Eine akute Kreuzschmerzsituation erfordert eine andere Herangehensweise und eine andere Zusammenstellung der Behandlung als Zustand, in dem die stärksten Akut­schmerzen bereits abgeklungen sind, aber noch Restbeschwerden bestehen. In der akuten Schmerzsymptomatik steht zunächst die Schmerzlinderung im Vordergrund. Hier sind physikalische Therapiemaßnahmen wesentlich und helfen, die akute Belastung zu senken und die Beweglichkeit wieder zu verbessern, damit der Patient überhaupt wieder in eine aktive Phase kommen kann. Danach liegt der nachhaltige Schlüssel eindeutig im aktiven medizinischen Training. Das ist aus meiner Sicht das am besten wissenschaftlich untermauerte Therapeutikum, das wir in der Rückenschmerzbehandlung zur Verfügung haben, wenn es darum geht, langfristige Stabilität aufzubauen, Rückfälle zu verhindern und nicht nur kurzfristig Beschwerden zu lindern.

? Welche Rolle übernimmt nun dabei die medizinische Trainingstherapie?

Die medizinische Trainingstherapie ermöglicht den gezielten muskulären Aufbau jener Muskelgruppen, die für die segmentale Stabilisierung der Wirbelsäule verantwortlich sind. Eine Bandscheibe kann man nicht willentlich trainieren und auch Knochen lassen sich nur begrenzt direkt beeinflussen. Der Muskel hingegen reagiert sehr klar auf regelmäßiges Training, wird kräftiger, gewinnt nicht nur an Masse, sondern vor allem an Muskelkraft. Das gilt umgekehrt aber genauso. Das spezifische medizinische Training baut die Stabilität gezielt auf und konzentriert sich auf den strukturierten Muskelaufbau mit medizinischen Trainingstherapiegeräten. Medizinische Trainingstherapie hat in der Rehabilitation einen sehr hohen Stellenwert, sie ist aber immer nur ein Teil eines Gesamtkonzepts. Entscheidend ist, dass vor jedem Training eine gründliche klinische Untersuchung und eine klare Diagnose stehen. Erst danach wird – je nach Erkrankungsphase und Ursache der Beschwerden – ein individuell abgestimmtes Therapieprogramm erstellt, das häufig auch Training umfasst.

 

Univ.-Doz. Dr. Martin Nuhr, MSc., Leiter des NUHR Medical Centers in Senftenberg

 

? Was ist der Unterschied zu einem herkömmlichen Fitnesstraining mit klassischen Fitnessgeräten?

Fitnesstraining richtet sich an gesunde Menschen. Medizinisches Training hingegen ist für Patienten gedacht, die bereits eine Vorgeschichte mit Rückenschmerzen haben. Die Therapieform wird an spezifische Voraussetzungen und Einschränkungen angepasst. Daher sind nicht Fitnessgeräte für das Training geeignet, sondern Medizinprodukte, die eine entsprechende Zertifizierung nach dem Medizinproduktegesetz aufweisen müssen.

Medizinische Trainingsgeräte lassen sich viel genauer und differenzierter an die Anatomie und Gelenksmechanik der Patienten anpassen. Diese höhere Präzision ist entscheidend, weil sie es ermöglicht, das Gerät wirklich an die individuellen körperlichen Voraussetzungen anzupassen und die maschinellen Gelenkachsen möglichst exakt an den menschlichen Gelenken auszurichten. Dazu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Im medizinischen Bereich wird wesentlich feiner mit der Gewichtsdosierung gearbeitet. Gerade bei Patienten nach Verletzungen, Erkrankungen oder Operationen kann die Belastung nicht in großen Schritten gesteigert wer-den, wie das im Fitnessbereich oft üblich ist. Dort sind Steigerungen um fünf oder zehn Kilogramm keine Seltenheit, im Reha-Bereich hingegen arbeiten wir mit deutlich kleineren Schritten, etwa mit einem Kilogramm, 2,5 Kilogramm oder wie bei neuen Geräten sogar mit 0,5-Kilogramm-Steigerungen. Diese Feinabstufung ist notwendig, um eine sichere, kontrollierte Progression zu ermöglichen und das Training exakt an die Belastbarkeit des jeweiligen Patienten anzupassen.

? Woran merken Patienten den Unterschied der Trainingsgeräte?

Bei diesen medizinischen Trainingsgeräten gibt es eine klar vorgegebene Achse und nur ein gewisses Bewegungsausmaß. Die Geräte sind auf ein bestimmtes Bewegungsausmaß eingestellt, sodass nur in einem sicheren Bewegungsumfang trainiert werden kann. Damit kann man auch nichts falsch machen. Wir haben auch ganz bewusst auf Displays verzichtet, um Bewegungsab-läufe natürlich darzustellen. Uns ist wichtig, dass Patienten wieder ein Gefühl für die Bewegung bekommen und sich nicht auf das verlassen, was das Display vorzeigt.

? Gibt es eine Ergebnisqualitätssicherung?

Vor Beginn der Trainingstherapie erfolgt immer eine individuelle Trainingsanalyse. Darauf basierend werden Belastung, Wiederholungen, Pausen und die gesamte Trainingssteuerung exakt auf den Patienten abgestimmt – nach dem Prinzip Intensität, Regelmäßigkeit und Individualität. Nach einigen Wochen folgt ein Re-Test, am Ende ein Abschlusstest, um Fortschritte objektiv sichtbar zu machen.

Zusätzlich werden alle Geräteeinstellungen auf einer persönlichen Chipkarte gespeichert: Jedes Gerät stellt sich beim Trainingsstart vollautomatisch auf den Patienten korrekt ein und dokumentiert alle erbrachten Leistungsdaten. So lässt sich transparent nachvollziehen, wie das Training durchgeführt wurde – und der Verlauf wird für Patienten, Team und Sozialversicherung messbar.

? Sie haben vollautomatische Hightech-Therapiesysteme im Einsatz. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Der Hersteller dieser Geräte entwickelt und fertigt vollautomatische und herkömmliche Trainingsgeräte, die sehr hohe Ansprüche an Qualität, Biomechanik, Ergonomie und Design erfüllen. Wir haben uns 2025 für vollautomatische Kraftgeräte entschieden. Ein besonderes Merkmal der gewählten Produktlinie ist die Kombination aus vollautomatischer Geräteeinstellung und Training mit echtem physikalischem Gewicht. Anders als bei vielen Systemen mit elektrischem Widerstand wird hier bewusst mit realen Gewichten gearbeitet, die sich automatisch an die vorgegebenen Trainingsparameter anpassen. Das ist für Patienten spürbar angenehmer und natürlicher. Hinzu kommen die sehr feine Dosierbarkeit der Belastung sowie die spezielle Kraftverlaufskurve, die den Muskel über die gesamte Bewegungsausführung hinweg in jedem Winkelbereich optimal auslastet. Die Geräte laufen vollautomatisch und der Therapeut muss sich nicht mehr um Einstellungen kümmern, sondern kann seine Aufmerksamkeit vollständig auf die Patienten, die Bewegungsausführung und die Qualität des Trainings richten.

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FOTOS: ZVG, ISTOCKPHOTO/ YODIYIM, ISTOCKPHOTO/ FRANCKREPORTER, NUHR MEDIACALCENTER

Die medizinische Trainingstherapie ermöglicht den gezielten Muskelaufbau für Patienten.

Beim Trainingsstart stellen sich die Geräte vollautomatisch auf den Patienten und seine Leistungsdaten ein.

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